Daniel Aminati war einer von den süßen Boys mit Namen Bed & Breakfast man könnte die Gruppe für die deutsche Antwort auf die Backstreet Boys halten, wenn es nicht diesen häßlichen Zank gegeben hätte. Seitdem versucht sich Daniel als Solist.

Was hat er nicht alles erlebt mit seinen jungen Fans. Einige verstanden Bed & Breakfast etwas zu wörtlich ganz normale Teenies, wohlgemerkt, Jeans, Sweatshirt, Pferdeschwanz keine hauptamtlichen Groupies. "Ich kam mal aus der Show in mein Hotelzimmer und war gerade dabei, mich unter die Dusche zu stellen", erinnert sich Daniel. "Plötzlich hörte ich ein Kichern unter meinem Bett, und dann lagen da zwei Fans. Gott sei Dank hatte ich den Slip noch an ...

Im ersten Moment war ich schon ein bißchen aufgebracht, weil das ja auch ein Eingriff in die Intimsphäre ist."

Wir ahnten es. Mit solchen Übergriffen ist in diesem Umfeld jederzeit zu rechnen. Warum? Andrea, 'N-Sync-Fan, hat ein Gedicht geschrieben. "Mein Held" heißt es und geht so: "Mein Herz ist erfüllt von Liebe und Sinnlichkeit, / ich bin wie verzaubert von dir! / Du bist der einzige auf der Welt, / der meiner Liebe würdig ist. / Tränen laufen über mein Gesicht, / doch du siehst sie nicht. / Du bist zu weit weg, / es hat keinen Zweck, / du wirst mich nie verstehen ..."

Können wir Andrea verstehen? Was macht Boygroups so erfolgreich? Warum verlieren Hunderte von Mädchen zwischen zwölf und sechzehn Jahren die Fassung, wenn fünf Jungs von nebenan, deren Songs ungefähr so erotisch sind wie Schiesser Feinripp, weit hinten auf der Bühne ihre Show abziehen? Werfen ihnen mit verzweifelter Anmut Dutzende von Kuscheltieren, mit Liebesschwüren oder Kondomen behängt, vor die Füße? Schreien in verzweifeltem Entzücken: "Nick, I need you" oder: "Eloy, küß mich"? Und fallen kurz und schmerzlos in Ohnmacht, wenn sie glauben, es alles nicht mehr auszuhalten, die Nähe, die Stimmen der Dream Boys da vorn, das Kreischen ringsum?

Dem Berliner Musikjournalisten und Rundfunkmoderator Jan Weyrauch hat dieses Popphänomen der Neunziger keine Ruhe gelassen. Sechs Jahre lang begleitete er Boygroups und ihre Fans, konnte Autogrammstunden, sogenannte Kuschel-undKnutsch-Treffs und Hotellobby-Belagerungen beobachten. Als er genug gesehen hatte, ohne dem Rätsel näher gekommen zu sein, begann er, die Fachliteratur nach möglichen Erklärungen zu durchforsten. Bis auf eine 25 Jahre alte Untersuchung mit dem Titel "Beat - die sprachlose Opposition" fand sich nichts, das diesem Merkmal weiblicher Entwicklungspsychologie gerecht zu werden versprach. Weyrauchs Buch über "Boygroups. Das Teenie-FANomen der 90er" bietet zwar nicht die schlüssige Einordnung, doch gleich mehrere einleuchtende Analysen, die noch dazu den Vorteil haben, sich nicht im Slang der Experten zu verlieren.

Daß es plötzlich so zahlreiche Boygroups gibt, hat gewiß nicht in erster Linie mit einem verstärktes Bedarf nach süßen Jungs zu tun. Es ist eine Frage des Marketings, das mit dem Erfolg von Take That seinen Anfang nahm: Viva, MTV und die ungezählten Radiosender mit Schwerpunkt Pop sind auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet, die auf der Suche ist nach Spaß, nach Identifikation und "nach Typen, die gut aussehen und erfolgreich sind", wie es Norbert Lalla ausdrückt, stellvertretender Bravo-Chefredakteur. Begabte Sänger, begnadete Solisten? Ach was - gut bewegen sollen sie sich, eine Show überbringen, die das Merchandising ankurbelt. Die fast ausnahmslos in der Retorte entstandenen Boygroups "verkörpern die heile Welt, sind traumhaft schön, ohne erkennbare Fehler, immer erreichbar, weil omnipräsent ... Die Teenie-Fans benutzen die Jungs der Boygroups als Fixpunkte auf ihrer Identitätsirrfahrt durch die Pubertät. Ist die Zeit überstanden, werden die Jungs nicht mehr gebraucht", erklärt Weyrauch.