HANNOVER. - 12.30 Uhr. Freitagsgebet. Die Moschee ist rappelvoll. Nur Männer sind in das ehemalige Fabrikgebäude mit den gelben Klinkern geströmt, um sich gen Mekka zu verneigen. Die Frauen beten zu Hause und kümmern sich um die Kinder. Die büffeln das ABC des Islam in der Koranschule am Wochenende.

Dabei lernen sie auch das Land ihrer Mütter und Väter kennen - lernen, daß in der Türkei seit Atatürk Staat und Religion getrennt sind und daß dies nicht im Sinne Allahs sei.

Denn die Moschee mit den gelben Klinkern gehört zum Imperium von Milli Görüs (Neue Weltsicht), deren Anhänger strenger als andere Muslime auf Kopftuch, Gebet und Geschlechtertrennung halten. Die zweitgrößte Islam-Vereinigung Deutschlands mit rund 28 000 Mitgliedern und 550 Ortsgruppen sympathisiert mit der Wohlfahrtspartei des früheren türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan, der angeklagt ist, einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild errichten zu wollen. Der Immobilienbesitz des islamischen Netzwerks wird auf achtzig Millionen Mark geschätzt.

Groß ist die Aufregung derzeit in Gleidingen, einem kleinen Vorort Hannovers.

Islamische Extremisten, so fürchten die Gleidinger, wollen in der Gemeinde ein Propagandazentrum errichten und zum Glaubenskrieg rüsten. Fest steht: Ein türkischer Kultur- und Sportverein namens Anadolu hat im Ort mit finanzieller Hilfe von Milli Görüs für 1,53 Millionen Mark ein früheres Asylbewerberheim gekauft, einen Gebäudekomplex mit mehr als 30 Zimmern und einem rund 7000 Quadratmeter großen Außengelände. Sprach- und Computerkurse, kulturelle und sportliche Aktivitäten sollen dort stattfinden. Alles ganz harmlos, beteuert der Vereinsvorsitzende Irfan Sengül. Jeder könne kommen - vom Schützenverein bis zur evangelischen Kirchengemeinde. Milli Görüs habe nur das Geld gegeben, halte sich aber ansonsten heraus.

Daran aber zweifeln so manche Gleidinger. "Ich kann mir nicht vorstellen, daß Milli Görüs so viel Geld ausgibt, um andere machen zu lassen", argwöhnt zum Beispiel der Gemeindepastor Joachim Zirkler. "So viel Geld, nur damit andere Spiel und Spaß haben?" Der evangelische Geistliche vermutet "eine Art trojanisches Pferd". Wachsende Ausländerfeindlichkeit sei die Folge. "Da kocht so einiges hoch." Auch ortsansässige Türken zeigten sich bei einer Ortsratssitzung nicht besonders erbaut. "Meine Tochter soll ohne Zwang aufwachsen und selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht", meinte einer.

Der Verfassungsschutz schürt die Ängste. "Hier sollen jugendliche Extremisten aus ganz Norddeutschland internatsmäßig geschult und gegen die westliche Demokratie eingestimmt werden", sagt der Sprecher des niedersächsischen Amts für Verfassungsschutz. Auch der Präsident des Bundesamts des Geheimdienstes, Peter Frisch, warnt: "Der Gottesstaat, den sie wollen, ist unvereinbar mit Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Ein fundamentalistisch eingestellter Muslim kann nicht das Parlament als höchstes Willensorgan des Volkes anerkennen." Ganz bewußt werde die Abschottung der muslimischen Kinder betrieben, meint Frisch.