In dieser Woche verabschiedet sich Karl Dedecius, der bedeutendste Polenkenner Deutschlands, vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt.

Glücklicherweise hinterläßt er zwei eingearbeitete, erstklassige jüngere Sachkenner, aber den Inspirator, den weithin leuchtenden Kopf, den werden wir schmerzlich vermissen.

Der sechsundsiebzigjährige Dedecius, dessen Arbeitstag nie vor Mitternacht endet, hat wahrlich Ruhe verdient. Abgesehen von seiner Arbeit im Institut liegen von ihm hundert Buchpublikationen vor - davon sind zehn eigene Werke, bei den anderen handelt es sich um Übersetzungen. Es sind Monographien und Anthologien, die alle mit umfangreichen Nachworten, Kommentaren und den Biographien der Autoren versehen sind. Nicht nur Prosa, sondern auch Lyrik.

Robert Frost, der amerikanische Dichter, hat einmal definiert: "Das Dichterische ist das, was beim Übersetzen verlorengeht." Bei Karl Dedecius geht nichts verloren, sein subtiles Sprachgefühl, seine literarische Feinfühligkeit verwandeln die Verse, ohne daß sie Schaden nehmen, aus einer Sprache in die andere. Er selber sagt, der Übersetzer habe die Funktion eines Fährmanns, übersetzen heißt, so meint er, über-setzen: hinüber über den trennenden Fluß auf die andere Seite. Dies freilich geht nur, wenn der Übersetzer die Geschichte des betreffenden Landes so genau kennt, wie die seines eigenen - und zwar nicht nur die Geschichte im historischen Ablauf, sondern auch die Geistes- und Kulturgeschichte. Dedecius ist im Polnischen wie im Deutschen vollkommen zu Hause und überdies in der Geistesgeschichte beider Nationen verwurzelt.

Niemand hat in Deutschland mehr getan, um Interesse und Verständnis für die polnische Literatur zu wecken. Sie hat durch Dedecius einen festen Platz in unserem intellektuellen Leben gewonnen. Angesichts der schwierigen Sprache wäre dies ohne einen kundigen Fährmann nicht gelungen auch die deutschen Verlage würden ohne Dedecius wohl kaum alljährlich etwa fünfzig Übersetzungen aus dem Polnischen veröffentlichen. Beweis: Die anderen westlichen Länder bringen alle zusammen nicht mehr zustande. Dedecius hat Czeslaw MiIosz, den Nobelpreisträger des Jahres 1980, schon 1954 übersetzt. Desgleichen die Nobelpreisträgerin des Jahres 1997, WisIawa Szymborska. Er hat Josef Brodsky entdeckt, noch ehe die Öffentlichkeit von ihm Notiz genommen hatte.

Was hat Dedecius befähigt, zum Mittler zwischen den beiden Völkern zu werden?

Es ist in erster Linie sein Lebensweg, der in Polen begann, unter Menschen also, für die Dichtung eine existentielle Bedeutung hat, denn Literatur war für die Polen stets Geschichte und Heimat zugleich. Das hängt mit ihrem historischen Schicksal zusammen, mit ihrer periodisch geteilten Existenz - geteilt zwischen ganz und gar verschiedenartigen Kulturen: den orthodoxen, dem Osten verhafteten Russen, den katholischen, urbanen Habsburgern und den protestantischen, ordnungsfanatischen Preußen. Da blieb als überwölbende Heimat neben der Kirche nur Sprache und Literatur.