Jakarta

Nirgends ein brennendes Autowrack. Keine gereckten Fäuste, keine Prügeleien zwischen Demonstranten und Polizisten oder weiß der Teufel, was man noch so erwartet in einem Land, in dem über Nacht Millionen ihren Job verloren haben, in dem Erspartes nur noch halb soviel wert ist wie im vergangenen Sommer und Grundnahrungsmittel immer teurer werden.

Irgendwie müssen sich die Menschen doch Luft machen!

Die Indonesier beten. In der größten muslimischen Nation der Welt hat der Ramadan begonnen. Tag und Nacht werden die Menschen von den Minaretten herab beschallt. Von innerer Einkehr singen die Muhezzins, aber nicht nur. In ihren Predigten geißeln sie auch die Armut, sie geißeln die enormen sozialen Unterschiede - zwischen unten und oben, zwischen Süd und Nord. Schrill klingt das manchmal, fast aggressiv, so als wollten sie in Erinnerung rufen, daß der Islam nicht nur beruhigen, sondern auch mobilisieren kann.

Es ist eigenartig, in diesen Wochen durch die Metropolen Südostasiens zu fahren. Man erwartet Bilder des Niedergangs, irgendeine Berührung mit dem Wind, der sich gedreht hat. Aber das einzige, was einem in der Nase kitzelt, ist der vertraute Gestank ungestümen Wachstums. Die Straßen sind verstopft wie eh und je, alle scheinen etwas zu tun zu haben. Die Hochhäuser - wie viele dazugekommen sind! - spiegeln sich ineinander. Hat der indonesische Minister vielleicht doch recht? "Wir jammern, aber wir jammern in klimatisierten Suiten", sagt er.

Der Minister heißt Joop Ave und ist zuständig für Tourismus, Post und Telekommunikation. Er gilt als ein Vertrauter von Präsident Suharto, was man daran ablesen mag, daß er neben ihm stehen durfte, als der Staatschef seine Neujahrsbotschaft im Fernsehen verkündete. Wer von Joop Ave etwas erfahren will, muß sich ans andere Ende seines wuchtigen Schreibtisches setzen lassen und zu ihm aufsehen. Dann bekommt er zu hören: "Unsere wirtschaftlichen Fundamente sind gut, wir sind bald aus der Krise raus." Der Tisch, der Raum, der indonesische Adler im Rücken des Ministers, alles ist so einschüchternd groß, daß man versucht ist, ihm zu glauben.

Nur die, auf die es ankommt, die Indonesier, glauben es nicht mehr. Das Vertrauen in ihre Regierung ist dahin. Als Suharto Ende Oktober den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe anrief, wähnten sich die Indonesier bereits am Tiefpunkt: Statt 2500 Rupiah mußten sie 3500 hinlegen, um einen Dollar einzutauschen. Michel Camdessus, IWF-Chef, reiste Anfang November nach Jakarta und erklärte, nun sei das Land bald wieder "in besserer Form", und die Regierung wiederholte es. Inzwischen kostet der Dollar über 6000 Rupiah.