Belfast

Die schlimmsten Feinde sind oftmals ehemalige Kampfgefährten. An dieses ungeschriebene Gesetz irischer Geschichte fühle ich mich beim Treffen mit Ruairi O'Bradaigh erinnert, dem Führer von Republican Sinn Féin, einer Partei, die sich 1986 von Sinn Féin abspaltete damals hatten O'Bradaigh bereits dunkle Ahnungen umgetrieben beim Kurs des bärtigen Strategen Gerry Adams. Jetzt, angesichts des nordirischen Friedensprozesses, an dem sich Sinn Féin/IRA beteiligen, ist er sicher. Er wittert den Verrat am hehren Ziel irischer Einheit.

Gerry Adams sei dabei, "ein zweiter Michael Collins zu werden". Bei diesem ominösen Vergleich wird das eben noch freundlich lächelnde Gesicht von Ruairi O'Bradaigh todernst. Wir sitzen in der Küche seines bescheidenen Hauses im Städtchen Roscommon im Herzen der Irischen Republik. Der Sturm, der draußen tobt, wirkt wie eine düstere Begleitmusik zu seinen Worten.

Irisch-republikanische Fundamentalisten wie O'Bradaigh sehen in Collins den ersten in einer illustren Reihe ehemaliger Freiheitskämpfer, die sich in "Kollaborateure des britischen Imperialismus" verwandelten. Sollten Gerry Adams und die Führung von Sinn Féin/ IRA in ein paar Monaten einen Kompromiß für Nordirland unterzeichnen, machten auch sie sich des Verrates schuldig.

Denn irische Einheit steht bei den Verhandlungen über die Zukunft der Bürgerkriegsprovinz nicht auf dem Programm.

Michael Collins wurde 1922 von ehemaligen Kampfgefährten erschossen, weil er mit London die Teilung der Insel in Nord und Süd ausgehandelt hatte. Könnte sich irische Geschichte wiederholen und Gerry Adams das gleiche Schicksal drohen? O'Bradaigh zuckt mit den Schultern. Seine Partei sei eine politische Organisation die Continuity IRA, "die legitime Nachfolgerin der irischen Untergrundarmee", bestimme allein über "militärische Operationen". CIRA hat seit 1994 mehrfach durch Bombenanschläge die nordirischen Verhandlungen begleitet.

Aber vielleicht läßt sich die Neuauflage eines Bruderkrieges zwischen irischen Nationalisten doch noch vermeiden. Die Nachrichten aus Nordirland sind Musik in O'Bradaighs Ohren. Der nordirische "Friedensprozeß" - den Begriff spricht er verächtlich aus - steckt in seiner bislang schwersten Krise. London und Dublin bemühen sich verzweifelt darum, die Verhandlungen zu retten. Das Gesetz des Handelns bestimmen zunehmend Extremisten, die von Beginn an die Suche nach einem Kompromiß ablehnten. Mit dem Mord an Billy Wright, dem loyalistisch-protestantischen Dissidenten, ausgeführt von der republikanischen Splittergruppe INLA (Irish National Liberation Army), wurde der tödliche Reigen von Gewalt und Gegengewalt wieder eröffnet. So sollten jene paramilitärischen Gruppen auf katholischer wie protestantischer Seite, die bislang gesprächsbereit waren, in den Bürgerkrieg hineingezogen werden.