TÜBINGEN. - Die Misere der Universitäten hat ökonomische und verteilungspolitische Komponenten, die sich gegenseitig beeinflussen und zuspitzen. Mangelhafte finanzielle Ausstattung beeinträchtigt Forschung und Lehre, flankiert von einer Politik, die einkommensschwachen Schichten Bildungschancen verwehrt. Konservative Bildungspolitiker sehen den Ausweg in Studiengebühren und der Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien im Hochschulwesen. Ein Universitätsstudium bliebe dann Eliten vorbehalten.

Anthropologischen Rückhalt findet dieser Ansatz in der sozialkonservativen Spaltung der Menschheit in Begabte und Unbegabte.

Bildung für alle, in ihrem Umfang unbegrenzt und ohne Zugangsbeschränkungen - dies sind die Kernforderungen der studentischen Proteste. Sie schöpfen aus einem humanistisch-emanzipatorischen Weltbild, das Bildung zum Menschenrecht erklärt. Damit wende sich die Argumentation der Studierenden gegen ein "rein funktionales Verständnis von Bildung" und leiste eine "Fundamentalkritik am Menschenbild der Politik der vergangenen zwanzig Jahre"(ZEIT Nr. 51). Die Pointe dieser Kritik liegt darin, die Klage über die Ökonomisierung der Bildungsdebatte mit dem Anspruch zu verbinden, mit finanziellen Forderungen politische und ethische Anliegen zu vertreten.

Diesem Anspruch wird der Protest der Studenten allerdings nicht gerecht, denn er scheut sich vor einer verteilungspolitischen Analyse der derzeitigen Bildungslandschaft. Den Ruf nach Bildung erhebt eine Gruppe der Gesellschaft, die sowohl ihrer Herkunft als auch ihrem akademischen Status nach zu den privilegierten Schichten zählt. Etwa 85 Prozent der Studierenden stammen aus Familien mit mittleren und hohen Einkommen, nur fünfzehn Prozent hingegen aus einkommensschwachen Familien. Dies ist ein Resultat der Bildungspolitik der letzten beiden Jahrzehnte, die nichts daran geändert hat, daß kostenlose Hochschulbildung vor allem finanzkräftigere Schichten bevorteilt.

Wer an einer deutschen Hochschule studiert, profitiert von Steuergeldern, die zu großen Teilen von Nichtakademikern geleistet werden. Dies kommt einer Umverteilung von unten nach oben gleich, denn die Kosten eines Studiums werden der Gesellschaft angelastet, die vergleichsweise hohen Einkommen der Akademiker hingegen privat abgeschöpft. Was spricht also dagegen, potentielle Hochschulabgänger an den Kosten ihrer Ausbildung zu beteiligen? Zumindest keine Verteilungspolitik, die unter dem Fanal sozialer Gerechtigkeit antritt.

Zudem ist die Forderung nach staatlichen Geldern - Eurofighter hin, Abschaffung der Vermögensteuer her - in Zeiten fiskalischer Engpässe keine intelligente Lösung. Akademiker werden in Zukunft ihr Scherflein beitragen müssen, daran führt kein Weg vorbei. Dem haben sozialdemokratische Regierungen im Ausland, beispielsweise in Großbritannien und Australien, längst Rechnung getragen.

Private Kostenbeteiligung muß den Zugang zu Hochschulen nicht automatisch verschärfen. Sie kann, im Gegenteil, Bildungschancen und Qualität der Hochschulausbildung erheblich verbessern. Ansätze hierfür böte beispielsweise eine progressive Besteuerung von Akademikereinkommen, deren Ertrag zum einen Forschung und Lehre, zum anderen der Nivellierung sozialer Benachteiligung zugute käme. Anders als Bildungsgutscheine oder Studiengebühren wirkte dieses Finanzierungssystem nicht abschreckend auf die Entscheidung für ein Hochschulstudium. Zudem würden diejenigen am stärksten zur Kasse gebeten, die am meisten von ihrer Ausbildung profitieren.