Seewürmer und mondäugige Fische, schrieb der Dichter, trieben jetzt ihr Spiel mit den Spiegeln und den vergoldeten Lüstern des Schiffes, und kalte Wassermassen rauschten durch die einst glühenden Stahlkammern seiner Motoren.

Denn "der immanente Wille, der alles treibt und dreht", habe dem stolzen Gefährt, noch während es entstand, einen "finsteren Gefährten" gegeben, eine "Form aus Eis". Und während das Schiff in seinem Dock heranwuchs, sei auch der Eisberg gewachsen, bis es zur "Vermählung" der beiden gekommen sei, dieser "Zwillingshälften desselben erhabenen Geschehens". Thomas Hardy hieß der Dichter, und unter den Titel seines Gedichts schrieb er: "Improvisiert zum Untergang der Titanic".

Das war Ende April 1912, zwei Wochen nachdem die Titanic vor Neufundland gesunken war, und Hardy wußte noch nichts vom Streit über die Ursachen des Unglücks, von den Ergebnissen des Londoner Seegerichts und von den Berichten der Überlebenden. Der britische Dichter kannte auch noch kaum eine jener Anekdoten über die "unsinkbare" Molly Brown, den Reeder Bruce Ismay, die Millionäre Astor, Guggenheim und Straus oder den Kapitän Smith, die inzwischen zum festen Bestand der Titanic-Folklore gehören. Hardy hatte bloß die Zeitungen gelesen und seine Phantasie ein wenig schweifen lassen. Deshalb konnte er sich das Ereignis noch in seiner ganzen mythischen Schlichtheit ausmalen: als Kollision zwischen Natur und Technik, die mit der Vernichtung der letzteren endet. Hardys Gedicht war die erste poetische Reaktion auf das Unglück überhaupt, und bis heute ist es eine der besten geblieben. Aber ein individuelles Versagen als Ursache der Tragödie konnte sich der greise Dichter seinerzeit nicht vorstellen. Eine Schicksalsmacht, ein allmächtiger Schöpfer, mußte die Titanic auf ihrer Jungfernfahrt geopfert haben.

Bei Thomas Hardy ist die Katastrophe eine Art Liebestod. In James Camerons Film "Titanic" ist sie eher ein Nebenprodukt der Liebe. Sonntag, 14. April 1912, 23.39 Uhr: Im Krähennest am vorderen Schiffsmast steht der Matrose Frederick Fleet und späht in die Finsternis. Unten auf dem Vorderdeck küssen sich Jack Dawson (Leonardo DiCaprio) und Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet) in seliger Versunkenheit. Der Matrose sieht ihnen zu. Erst nach einigen Sekunden bemerkt er die schwarze Masse, der sich die Titanic in rasender Fahrt nähert. "Eisberg voraus!" Es ist zu spät.

Nach etwa zwei Dutzend Kino- und Fernsehfilmen über die letzte Nacht des Luxusdampfers gab es für eine solche Szene eigentlich keine Notwendigkeit mehr. Der Bedarf an Titanic-Untergängen scheint gedeckt. Über die Schicksale der Menschen an Bord sind wir durch Jean Negulescos Film von 1953 ausreichend informiert, während Roy Bakers "A Night to Remember" ("Die letzte Nacht der Titanic", 1958) die nach wie vor detaillierteste Darstellung des Katastrophengeschehens bietet. Die besten Aufnahmen des Schiffsuntergangs in Bakers Film stammen freilich aus Herbert Selpins deutschem "Titanic"-Epos, mit dem der Ufa im Kriegsjahr 1943 eindrucksvoll der Versuch mißlang, die englische Klassengesellschaft anhand der Vorgänge zwischen A- und C-Deck zu denunzieren. Und wem dies alles noch nicht genügt, der findet bei Hans Magnus Enzensberger Trost: "Der Untergang der Titanic ist aktenkundig. / Er ist etwas für Dichter. / Er garantiert eine hohe steuerliche Verlustzuweisung. / Er ist ein weiterer Beweis für die Richtigkeit der Thesen Vladimir Ilic Lenins. / Er läuft im Fernsehen gleich nach der Sportschau."

Was kann ein Titanic-Film von 1997 gegen diese Tradition aufbieten? Zunächst einen Optimismus, der um so bezwingender wirkt, als er sich ganz einfach aus der Fahrtrichtung des Schiffes ergibt. Denn die Titanic fährt nach Amerika, in ein neues Leben. So wird jeder Seitenblick auf die Reichtümer der Luxusklasse, den die armen Auswanderer an Bord erhaschen, zum Vorschein der zukünftigen Erfüllung jenseits des Ozeans. Die Titanic selbst wird zur Insignie der Hoffnungen, die sie trägt. Frühere Versionen des Stoffes haben diesen Überschwang in vorauseilender Pietät unterdrückt. Bei Cameron wird die Jungfernfahrt des Dampfers wieder zu dem Aufbruch, der sie einmal war.

Für Jack Dawson freilich ist das Dritteklasseticket, das er beim Pokern in Southampton gewonnen hat, bloß eine Rückfahrkarte. Jack, der Straßenmaler, hat seine Lehrjahre in Paris beendet. Jetzt kehrt er heim, genauso wie Rose, die junge Amerikanerin aus nur noch scheinreicher Familie, die einen ungeliebten Mann heiraten soll. Der Verlauf solcher Geschichten ist bekannt: Jack sieht Rose. Jack rettet Rose, die sich umbringen will, vor dem Ertrinken. Jack wird von Cal (Billy Zane), Roses Verlobtem, zum Dinner eingeladen. Rose und Cal streiten sich. Jack zeichnet die nackte Rose. Dann verschwinden die beiden im Bauch des Schiffes. Schließlich, es ist kurz nach halb zwölf am 14. April 1912, gehen sie zur Reling am Bug, um die Nachtluft zu genießen.