Dungannon

Von außen sieht Her Majesty's Prison Maze wie eine undurchdringliche Festung aus. Riesige Profilblechwände, mit schweren Betonblöcken gesicherte Stahltore, gepanzerte Wachtürme. Soldaten mit schußbereiten Maschinengewehren patrouillieren über das Gelände. Drinnen herrschen die Gesetze des Dschungels. Vorletztes Wochenende erschossen hier drei Mitglieder der republikanischen Splittergruppe INLA einen der berüchtigtsten Terroristen der protestantischen Seite, Billy Wright, den "Rattenkönig". Eine zielgenaue, sorgfältig vorbereitete Aktion. Die Täter, ebenfalls Häftlinge, lauerten auf dem Dach ihres Zellenblocks, als Wright in einen Kleinbus stieg. Sie sprangen herab, rissen die Tür auf und feuerten. Die Herkunft der Waffe ist ungeklärt.

Das Maze, das Stammheim Nordirlands, liegt in einer Niederung neben der Autobahn von Belfast nach Dungannon. Hier bestimmen nicht Polizei, Armee oder Gefängnisdirektion das Regime, sondern die Oberkommandierenden der fünf Untergrundarmeen. Jede Terrorgruppe hat eine intakte Kommandostruktur und ist in eigenen Zellenblöcken untergebracht.

Nach dem Zusammenbruch des letzten Waffenstillstandes wollte ich Feilim O'hAdmaill treffen, der damals als Chefstratege der Bombenkampagne auf dem britischen Festland galt und zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Das Innenministerium in London teilte mir mit, Terroristen dürften keine Journalisten empfangen. Briefe würden nicht weitergeleitet. Man wollte mir nicht einmal sagen, in welchem Gefängnis der - in England abgeurteilte - Häftling Feilim O'hAdhmaill einsaß.

Die "Kriegsgefangenenabteilung" der Sinn Féin, des politischen Flügels der IRA, half weiter. Ein Mann, der sich als Yaggi vorstellte, brachte mich mit der Frau des Häftlings in Verbindung. Frau O'hAdhmaill übermittelte mehrere Wochen lang Briefe und Nachrichten. Schließlich genehmigte die IRA meinen Besuch. Das Nordirlandministerium, die Aufsichtsbehörde des Maze, war ahnungslos. Ich traf mich mit Frau O'hAdhmaill an einem kalten Winternachmittag auf dem Besucherparkplatz am Ostende des riesigen Gefängniskomplexes. Mein Name stand zwischen denen der Frauen und Kinder der Häftlinge auf einer Besucherliste. Der Gefängniswärter, der die Identität jedes Besuchers zu überprüfen hatte, schob mich beflissen weiter. Zur "Leibesvisite" mußte ich in einem Kabäuschen meine Taschen auskehren. Der Beamte machte ein paar gutgelaunte Bemerkungen und war sichtlich bemüht, keine Fragen zu stellen. Er lächelte wissend, ich lächelte wissend zurück. Er erkundigte sich höflich, ob das alles sei, was ich bei mir hätte, und ich sagte treulich: "Ja."

Wir passierten zwei Sicherheitsschleusen, wurden in einem fensterlosen Kleinbus über das Gelände kutschiert. Wir passierten eine weitere Sicherheitsschleuse. Schließlich expedierte man uns durch ein elektronisch gesichertes Gittertor in einen Gebäudekomplex - den kein Gefängniswärter ohne Genehmigung der Terroristen betritt. Die Zellen in den berüchtigten H-Blocks werden nicht abgesperrt. Der Gefängnisdirektor konsultiert den Kommandeur der IRA, bevor er einen neuen Häftling in dessen Block verlegt. Wenn die Blockführung einen Insassen loswerden will, verlegt die Gefängnisleitung ihn auf ihr Geheiß.

So jedenfalls beschrieb O'hAdhmaill das Regime. Ich sah keinen Grund, seine Schilderung anzuzweifeln. Wir saßen fast zwei Stunden so zwanglos beisammen, als hätten wir uns in einem Café in Belfast getroffen. Ohne Aufsicht und, soweit ich das feststellen konnte, völlig unbeobachtet. Ich hätte ihm problemlos ein Gastgeschenk bringen können. Ein für seine Trägerdienste berühmter Mann, Bik McFarlane, der in Einzelteile zerlegte Waffen und Radios in das Gefängnis schmuggelte, verdiente sich seinerzeit den Spitznamen "Der Koffer". Die IRA-Führung im Gefängnis kommuniziert heute angeblich per Mobiltelephon mit der Außenwelt.