Bestseller lassen sich nicht planen, sie passieren. Warum sich Patrick Süskinds "Parfum" weltweit vielmillionenfach verkauft hat, warum Robert Schneiders "Schlafes Bruder" eine Käufermillion erreichte - keiner weiß es, jeder darf mutmaßen. Die Bücherbranche rätselt und zimmert sich ihre eigenen Hypothesen aus den Faktoren Machart, Thema und Zeitstimmung mal Zufall plus Marketing - in der Hoffnung, der Erfolg lasse sich ergründen und damit vielleicht wiederholen.

Es mag müßig sein, über das Erfolgsgeheimnis eines Bestsellers zu spekulieren, denn wiederholen läßt er sich nicht, es ist aber auch verlockend. Weil der Bestsellerei ein Hang zur retrospektiven Zwangsläufigkeit innewohnt, eine eigene Teleologie, die ihre besonderen Denkmuster, Denkzwänge, produziert. Wenn man unterstellt, daß Verkaufszahlen sich nicht irren können, dann rechtfertigt sich im Rückblick ein Verkaufserfolg von selber. Dann war Robert Schneiders Debüt mit "Schlafes Bruder" vor sechs Jahren ein Geniestreich - ganz unabhängig von der literarischen Qualität.

Mit dem zweiten Buch allerdings schlägt die Stunde der Wahrheit. Für den Autor und für die Literatur. Kann sein, daß das zweite Buch sogar rückwirkend das erste relativiert. Mit dem ersten Buch hat der Autor vielleicht geblendet, verblüfft oder einfach Glück gehabt. Mit dem zweiten entscheidet sich seine Tauglichkeit als Autor, mit dem dritten sein Rang als Schriftsteller.

"Schlafes Bruder" ist 1992 erschienen und "Pascales Herzschlagen" gewidmet.

Um das Herz war es Robert Schneider, dem Vorarlberger Kleinhäuslersohn des Jahrgangs 1961 und verkrachten Musikstudenten in Wien, mit seinem literarischen Debüt auch vornehmlich zu tun. Was er zu erzählen hatte, war eine Herzensgeschichte. In altfränkischer Chronisten-Manier und in schwärmerischem Legendenton berichtete er von der verhinderten Liebe eines verhinderten Künstlers, zeitversetzt in die Vorarlberger Vormoderne des frühen 19. Jahrhunderts. Der verhinderte Komponist Schneider träumte sich in "Schlafes Bruder" in ein verkanntes Genie hinein - in den fiktiven Dorf-Organisten Johannes Elias Alder, einen naturwüchsigen, aber ungeschulten Genius, der sich in der Stunde seines größten musikalischen Triumphs, als die Welt ihn entdeckt, aus unglücklicher Liebe selber tötet.

Literatur als Selbstheroisierung und grandiose Wunscherfüllung. Literatur aber auch als Feier eines sakralisierten Geniebegriffs, der den heiligen Märtyrer-Künstler dort beweihräuchert, wo das Numinose wohnt - und der fromme Kitsch. Literatur vor allem als Erweckungsprosa, als sprachliche Evokation und Eruption großer Gefühle. Schneiders Held Alder ist ein Allumarmer mit Anfällen von ekstatisch gesteigerten Durchdringungsgefühlen, er ist ein entflammter Liebhaber mit einer besonderen Affinität zum Herzschlag. Schon als Fünfjähriger wird dieser heilige Musikus eines Hörwunders teilhaftig: Er vernimmt das Tosen des Weltalls und darin den Herzschlag eines ungeborenen Kindes. "Es war das Herzschlagen jenes Menschen, der ihm seit Ewigkeit vorbestimmt war. Es war das Herz seiner Geliebten."

Das liest man gern. Die wahre Liebe. Das echte Gefühl. Die große Unmittelbarkeit. Die augenblickliche Erleuchtung. Der Sinn des Lebens. In Zeiten der Single-Existenzen und der Lebensabschnitts-Partnerschaften möchte doch bitte schön wenigstens die Literatur die Frohbotschaft von der vorherbestimmten, einen und einzigen Herzensliebe bewahren und die ganz großen Gefühle beschwören - Sehnsucht und Schrecken, Seinsgier und Seinsweh, Tragik und Verzweiflung, Angst und Ekstase. "Schlafes Bruder" redete also nicht nur in Zungen, es trug auch sein Herz auf der Zunge. Was Wunder, daß es den Leuten ans Herz griff und sogar den Kritikern zu Herzen ging.