Ein Grab hat der Mensch. Aber der Dichter hat ein zweites: das Archiv. In diesem Reich seliger Geister wird bewahrt, was der Erweckung und Auferstehung harrt in den Köpfen der Nachgeborenen. Archive sind das kollektive Gedächtnis gegen das individuelle und das gesellschaftliche Vergessen - ein Protest gegen den Tod, um wenigstens stückweise aufzuheben, was dahingegangene Köpfe in Form gebracht. Die Zerstörungen beider Bibliotheken von Alexandria, der großen mit nahezu 700 000 Buchrollen, verbrannt im Jahre 47 vor Christus, und der kleinen mit über 40 000 Buchrollen im Jahre 391 nach Christus, zeigt, was die Vernichtung solcher Schädelstätten bedeutet: den Rückfall in die Barbarei.

Solch Vandalismus ist älter als das Wort, das ihn bezeichnet. Es stammt aus dem Konvent der Französischen Revolution mit ihm hat der Abbé Grégoire das Anstecken der Bibliothèque Nationale verhindert.

Der Besucher, der an einem kalten und nassen Dezembermittag vom Centre Pompidou auf dem rechten Ufer der Seine der rue de Lille 25 auf dem linken zustrebt, fragt sich, ob es zu früh oder zu spät ist für den Ort, der schon das "Marbach an der Seine" genannt worden ist: das Institut Mémoires de l'Édition Contemporaine - kurz IMEC genannt.

In Marbach am Neckar residiert das Deutsche Literaturarchiv, die lebendigste Nekropole deutscher Dichternachlässe, dessen Trägerin von Anbeginn im Jahre 1955 an die über hundertjährige Deutsche Schillergesellschaft ist. Das IMEC dagegen ist jung, noch nicht zehn Jahre alt, gegründet ursprünglich zur Erforschung der französischen Buch- und Zeitschriftengeschichte des 20.

Jahrhunderts. Es sitzt versteckt in einem Hinterhof wie ein Geheimtip.

Entstanden ist diese Initiative von Buchbesessenen aus der im Jahre 1987 von Pascal Fouché vorgelegten Arbeit über die französischen Verlage während der deutschen Besatzung 1941 bis 1944 "L'Édition française sous l'Occupation".