Um 14.00 Uhr wieder in der rue de Lille. Die Besucher strömen herein. Das IMEC öffnet keine Tore - im Erdgeschoß ein schön bescheidener Bibliotheksraum und einige kleine Nebengelasse. Im ersten Stock wird in drangvoller Hermetik in wenigen, mit Büchern, Zeitschriften, Akten und den nötigsten technischen Geräten vollgestopften Räumen Erstaunliches geleistet. Die fünfzehn Mitarbeiter führen die Kataloge und Korrespondenzen, erfüllen die Leihwünsche der Besucher aus den ausgelagerten Archiv- und Bibliotheksbeständen und organisieren Ausstellungen und Kolloquien. Darüber hinaus entfaltet das IMEC rege publizistische und verlegerische Aktivitäten, um die Wechselbeziehungen zwischen der Entstehung der Werke und ihrer Publikationsgeschichte nachzuzeichnen. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil der lebendigen Bewahrung der Nachlässe.

Das IMEC publiziert die Reihe Empreintes, die die eigenen Ausstellungen dokumentiert, etwa über "Der Fremde" von Albert Camus, über Adrienne Monnier und ihre Buchhandlung. Eine Dokumentation über Martin Flinker wäre höchst interessant für eine französisch-deutsche Zusammenarbeit.

Alles in allem: Enthusiastische Aktivitäten, verfolgt mit beachtlichem Zielbewußtsein, aber sympatischer Nonchalance, schaffen ein kulturpolitisches Ereignis ersten Ranges, zwar staatlich vom Kulturministerium finanziert, aber nicht reglementiert. Dem Beirat gehören Verleger, Wissenschaftler und Autoren an, keine Bürokraten. Das Kulturministerium hat offensichtlich erkannt, daß hier Aufgaben erfüllt werden, die staatliche Institutionen nicht zu leisten vermögen, sondern nur inspirierte Wissenschaftler als Vermittler in eigener Sache zwischen intellektueller Vergangenheit und Gegenwart.

Bei allem Charme der Enge in der rue de Lille: Der gewachsenen Bedeutung und den steigenden Anforderungen kann das IMEC hier allein nicht mehr gerecht werden. Auf sechzehn schmalen Plätzen drängen sich nachmittags jährlich 800 Forscher. Wesentliche Teile der Bibliothek und die Archivalien sind in Melun bei Paris ausgelagert und müssen nach den jeweiligen Anforderungen herangekarrt werden. Es muß etwas geschehen. Und so geschieht etwas.

Zwei Bahnstunden nordwestlich von Paris in der Basse-Normandie liegt auf einem grün-braunen Hügel die Abbaye d'Ardenne, "von der einige Reste noch heute am westlichen Rand von Caen zu entdecken sind" mehr weiß der Kunst-Reiseführer aus dem Hause DuMont nicht zu berichten. Die Reste des Prämonstratenserklosters aus dem 13. Jahrhundert sind beträchtlich. Und was jetzt an den Bauten noch ruinös ist, soll in wenigen Jahren zu einem säkularisierten Wallfahrtsort des Lesens werden, wie ihn die Freunde der Literatur sich schöner nicht ausmalen können: das Archiv der französischen Gegenwartsliteratur.