Mehpare Bozyigit/Hans Kirchmann: "Ankara Oder die Vergeblichkeit der Liebe" Önel Verlag, Köln 1997 350 S., 19,80 DM. - Der Leser dieses naturalistischen Romans wird in eine herbe türkische Realität hineingezogen: Hunde streunen vor Atatürk-Statuen, Soldaten sprengen eine Verlobung, "Graue Wölfe" schinden Studenten, Polizisten töten und foltern. Und über allem treibt "der Geruch von großflossigen gegrillten Thunfischen, die Ladenmädchen, Lastträger, Banker, Huren, gläubige Muselmanen, Polizisten, Diebe und gelbhäutige Larsen vom Schwarzen Meere anlocken." Die Autoren beschreiben eine rauhe Türkei, ein von politischen, kulturellen und religiösen Gegensätzen zerrissenes Land. Ihre Schilderungen von Abtreibung, Mord, Folter und Massenverhaftungen führen an die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit. Das Schicksal der drei weiblichen Protagonisten Gülgün, Oya und Pervin ist exemplarisch für eine Gesellschaft, die bis heute von politischer Instabilität und kultureller Gegensätzlichkeit geprägt ist. Doch "Ankara" ist kein Horrorszenario. Der Roman malt eindrucksvolle Bilder türkischer Landschaften und Städte, erzählt die zarte Liebesgeschichte engagierter Menschen, die sich für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzen, wie etwa Rechtsanwalt Pelit auf der Suche nach den Attentätern vom Taksim-Platz, oder die junge Ärztin Gülgün, seine Geliebte, die von der Geheimpolizei verfolgt wird und die Türkei per Schiff nach Griechenland verläßt. Der Leser wird von den türkischen Konflikten und Hoffnungen mitgerissen und in eine Wirklichkeit versetzt, die nicht nur für unsere türkischen Mitbürger von Belang ist. Gülgüns Schicksal ist Fatum einer entwurzelten Generation.