Am schönsten an der klassischen Musik ist die Wiederholung. Alles erklingt noch einmal, alles kehrt wieder, in der Sonate, im Abonnementkonzert, im Ablauf des Musikjahres. Und nichts kann den Gleichklang der liebgewonnenen musikalischen Rituale stören. Aber dann dies: Kaum ist das Weihnachtsoratorium wieder vom CD-Player genommen und die Abendgarderobe vom Besuch der Silvester-"Fledermaus" ausgelüftet, beginnt das neue Jahr auch schon mit zwei Schreckensmeldungen: Skandal in Wien und Skandal in Magdeburg!

Bei der Fernseh-Liveübertragung vom Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist es zu einer Tonstörung gekommen. Stumm und ohne Musik drehten sich die Ballettänzerinnen minutenlang, Johann-Strauss-Klänge knacksten - vor einer Milliarde Zuschauer. In Magdeburg wiederum hat sich ein Generalmusikdirektor hartnäckig geweigert, Beethovens Neunte zu dirigieren, was dort eigentlich eiserne Tradition ist beim alljährlich begangenen Gedenktag der Bombardierung der Stadt am 16. Januar. Natürlich sind diese Anschläge auf das Allerheiligste der Musikkultur nicht ohne Folgen geblieben: Der ORF hat sofort eine Sonderkommission zur Klärung der Panne eingesetzt, die Tontechniker müssen zittern. Und Mathias Husmann, der Magdeburger Musikdirektor, ist fristlos entlassen worden. Sein Amtsvorgänger wird nun die vom Intendanten angeordnete und durchgesetzte Aufführung von Beethovens Neunter dirigieren. Husmann hatte sich daran gestört, daß die Aufführung der Symphonie zu DDR-Zeiten von der SED verordnet worden sei, und darauf bestanden, daß das Werk der Trauer um die Magdeburger Bombenopfer nicht gerecht werde. Dabei ist die Neunte doch eigentlich ein Stück für alle Anlässe. Bei allen Konzertsaaleinweihungen und Jubiläen wird die frohe "Alle Menschen werden Brüder"-Botschaft zum Herzensanliegen. Der Schlußchor gehört zu den unsterblichen Erfolgsnummern der Fischer-Chöre, ist Lieblingssong aller Japaner, die übrigens eine ganz andere Neujahrstradition pflegen, sie verzehren verhängnisvolle kleine Klöße aus gestampftem Reis, "O-Mochi" genannt. Acht Japaner, so meldet dpa, seien auch in diesem Jahr wieder an ihnen erstickt. Nur weil sie von einer Tradition nicht lassen wollten.

"O-Mochi" ist überall.