Sie ist nicht gut zu Fuß. Caretta caretta - die Unechte Karettschildkröte verläßt das Meer nur zur Eiablage. Das Weibchen schleppt sich stets auf jenen Strand, auf dem es selbst vor Jahrzehnten aus dem Ei schlüpfte. Die Nistplätze der bedrohten Art liegen auf einigen Sandstränden der türkischen Ägäis und Griechenlands. Diese Hypothese von der "Rückkehr an den Geburtsstrand", in der Fachsprache Natal Homing genannt, vertreten Biologen zwar bereits seit langem. Allerdings war es bisher schwer, die faszinierenden Wanderungen der gepanzerten Meeresbewohner zu beweisen. Erst vor kurzem hat die Arbeitsgruppe des Frankfurter Zoologen Bernd Schierwater zeigen können, daß die Schildkröten in der Tat zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden (Nature, Bd. 384, S. 521). Die Wissenschaftler haben das Erbgut der Tiere untersucht und herausgefunden: Die Reptilien, die sich an einem bestimmten Strand fortpflanzen, sind genetisch eng verwandt und verirren sich offenbar niemals an einen anderen Nistplatz.

Mit traditionellen Methoden hätten sich die Verwandtschaftsverhältnisse nicht offenlegen lassen. Denn die Meeresschildkröten sind in jeder Hinsicht träge Geschöpfe. Sie bewegen sich langsam, sie wachsen langsam und werden erst im Alter von zwanzig Jahren geschlechtsreif. Um ihre Odyssee durch die Meere zu beobachten, müßten die frisch geschlüpften Schildkröten an den jeweiligen Stränden markiert werden, bevor sie in das Mittelmeer tauchen. Dann müßte man zwanzig bis dreißig Jahre warten, um mit viel Forscherglück die Schlüpflinge bei ihrem Landgang wiederzufinden.

Die Zoologen Werner Schroth, Bruno Streit und Bernd Schierwater von der Universität Frankfurt wählten deshalb eine Methode, die einen schnellen und effizienten Aufschluß über das Verhalten der Schildkröten versprach. "Jedes Individuum besitzt im Erbgut einen unverwechselbaren Gencode. Der Verwandtschaftsgrad zweier beliebiger Individuen spiegelt sich in bestimmten Mustern des genetischen Fingerabdrucks wider. Und der Verwandtschaftsgrad der Weibchen untereinander ist aus bestimmten DNA-Sequenzen des sogenannten mitochondrialen Genoms ablesbar. Beide Informationen zusammen erlauben es, zum Beispiel historische und gegenwärtige Verpaarungen zwischen Männchen und Weibchen zu rekonstruieren", erklärt Bernd Schierwater. Die Frankfurter kamen auf die Idee, daß die DNA auch Aufschluß über die Beziehung der Schildkröten und ihre Nistplätze geben muß. Dazu mußten sie herausfinden, ob und wie sich die DNA-Moleküle an den verschiedenen Niststränden unterscheiden.

Der Diplomand Werner Schroth sammelte auf türkischen Niststränden DNA-Proben von Schlüpflingen, die auf dem Weg zum Meer verendet waren. In Deutschland wurde das Erbgut der Meeresschildkröten analysiert. "Wir fanden sowohl im Erbgut der Weibchen als auch in dem der Männchen genetische Marker, die spezifisch für den Niststrand waren und einen nennenswerten Genaustausch zwischen verschiedenen Niststränden ausschlossen. Aus dem Erbgut konnten wir ablesen, daß bereits Entfernungen von weniger als fünfzig Kilometern für eine genetische Trennung der Brutkolonien ausreichen", sagt Bernd Schierwater.

Damit war klar: Männchen und Weibchen kehren zur Fortpflanzung an ihren Geburtsort zurück. Jeder Brutplatz wird von Generation zu Generation von der gleichen Großfamilie aufgesucht, und zwar vermutlich seit Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren. Obwohl zwischen Geburt und dem ersten Landgang zur Eiablage fünfzehn bis zwanzig Jahre verstreichen und die Unechten Karettschildkröten in dieser Zeit Tausende von Kilometern durch die Ozeane schwimmen, steuern sie genau ihren Strand im Mittelmeer an. Auf ihren beispiellosen Reisen orientieren sich Meeresschildkröten am Magnetfeld der Erde, vermuten die Biologen Catherine und Kenneth Lohmann von der amerikanischen University of North Carolina (Nature, Bd. 380, S. 59).

Vor allem für den Artenschutz ist die molekularbiologische Studie der Frankfurter von Bedeutung. Die seltenen Schildkröten folgen in ihrem Verhalten einem genetischen Programm, das sich vermutlich im Laufe von 150 Millionen Jahren manifestiert hat. Deshalb können sie nicht auf einen anderen Strand ausweichen, wenn ihr urspünglicher Nistplatz durch den Menschen zerstört wird. "Ein Überleben der Tiere kann nur gesichert werden, wenn die evolutionären Zwänge im Fortpflanzungsverhalten berücksichtigt werden", sagt Bernd Schierwater. Trotzdem würden entlang der Mittelmeerküsten Hotels für Touristen gebaut, oftmals ohne Rücksicht auf die Nistplätze. Nach Überzeugung des Zoologen haben die Meeresschildkröten aufgrund des starren, im Erbgut verankerten Verhaltensmusters keine Chance, sich an die veränderten Umweltbedingungen anzupassen. "Wenn ein Nistplatz einer Hotelanlage zum Opfer fällt, dann stirbt eine ganze Niststrandpopulation aus und damit eine genetisch einmalige Linie", sagt Schierwater. "Sogenannte Ausgleichsflächen andernorts tragen zum Überleben der Unechten Karettschildkröte nicht bei."

Die Stiftung Europäisches Naturerbe zählt an den Küsten Griechenlands und der Türkei nur noch ein Dutzend Strände, an denen die Reptilien ihre Eier vergraben. Doch nicht nur durch geplante Hotelanlagen sind die letzten Reviere gefährdet. Selbst auf Stränden, die gesetzlich geschützt sind, geht es mitunter zu wie auf einem Rummelplatz. Obwohl nachts Musik und Lärm verboten sind, ziehen in der Dunkelheit Scharen von vergnügungssüchtigen Touristen zur Party ans Wasser. Die Behörden greifen nur selten ein. Die Folge: Die Schildkröten trauen sich nicht an Land. Die Strände, an denen sich Caretta caretta noch ungestört vermehren kann, sind selten geworden.