Die Frau, die in ihrem Kabinett hinter einem imposanten Tisch aus Nußbaumholz saß, war mit Eifer bei der Sache. Auf dem Tisch waren ansehnliche Stapel von holländischem Papier aufgetürmt, daneben stand das Tintenfaß, in das die Dame ihre Feder tauchte, um sie dann hurtig über den Bogen zu führen.

Das Schreiben des Briefes begleiteten lebhafte, bisweilen ironische und sogar maliziöse, oft aber auch melancholische Blicke aus dem feisten, von einem Doppelkinn beherrschten Gesicht, das der resoluten Patrizierin einer freien deutschen Reichsstadt hätte angehören können.

Es war aber keine deutsche Bürgersfrau, die hier Zwiesprache mit einem fernen Adressaten hielt, sondern eine ehemalige deutsche Prinzessin: Elisabeth-Charlotte, seit 1671 Gattin des Bruders von Ludwig XIV. und durch ihn Herzogin von Orléans.

Ihr Mann wurde als nächstjüngerer Bruder des Königs "Monsieur" genannt, so daß man seine Frau mit "Madame" ansprach, was gleichzeitig ihren Rang in der höfischen Hierarchie bezeichnete. "In Franckreich, insonderheit zu Paris, heiß ich nur Madame und bey hoff auch", erklärte sie einmal einer deutschen Verwandten. Denn die Schwägerin des Monarchen war protokollarisch, nächst der Königin, die erste Frau im Bourbonenreich.

Die hohe Würde, die eine schwere Last war, hat die Fürstin nicht daran hindern können, sich in ihren nach Deutschland gesandten Briefen schlicht "Liselotte" zu nennen, und als Liselotte von der Pfalz ist sie schon den Zeitgenossen zu einer unverwechselbaren Gestalt geworden.

Das Schreiben von Briefen betrieb Liselotte mit geradezu monomanischer Besessenheit - ganz gleich, ob sie im Pariser Palais-Royal oder, was ihr lieber war, im Schloß Saint-Cloud logierte, da sie dieser Herrensitz am Ufer der Seine an das heimatliche Heidelberger Schloß und den Neckar erinnerte.

Überall schrieb Madame, nur kurz unterbrochen durch die Mahlzeiten und das Absolvieren der Messe. An den in Paris verbrachten Abenden kamen noch, als zweite Leidenschaft, Komödien- und Opernbesuche sowie die Teilnahme an höfischen Festen hinzu, während die Jagd, ursprünglich ebenfalls eine Domäne von Madame, den natürlichen Einschränkungen des Alters weichen mußte.