Stuttgart

Ahnt er das Ende? "Behalten Sie uns in guter Erinnerung!" bat Wolfgang Gerhardt im Stuttgarter Staatstheater zum Schluß seiner Rede inbrünstig das Publikum und löste verlegenes, verzeihendes Gelächter aus. Der Abschiedsgedanke liegt ja nahe. Aber Gerhardt hatte natürlich nur sagen wollen, man möge am Wahltag des 27. September seiner Partei so gedenken, wie sie sich beim Stuttgarter Dreikönigstreffen darbot: als ein einig Bündnis aller dynamischen Veränderer im Lande, die den "etatistischen Parteien" um sie herum mannhaft trutzen.

Das Fieber ist schon wieder vorbei, das die FDP plagte, wie stets um diese Jahreszeit. Es überfällt sie, wenn sie daran denkt, irgendwann könne es einmal mit ihr zu Ende gehen. Für eine Partei, die im Staatstheater fast immer eine Rolle hatte, muß der Gedanke besonders grausam sein.

Vierzehn Tage hatten die liberalen Liberalen und die weniger liberalen Liberalen miteinander gerechtet, ob und weshalb der Kurs gar zu eng aufs Ökonomische reduziert worden sei. Jetzt also gibt sich die FDP wieder putzmunter, hingerissen von sich und ihrer Streitlust, ja sogar von ihrem sehr laut auftrumpfenden Vorsitzenden Wolfgang Gerhardt, über dessen mangelndes Profil sie gerade noch so bitterlich klagte.

Was wäre daraus zu folgern für das Schicksal der FDP? Aus ihrer Geschichte kann man mindestens so gut lernen wie aus der Helmut Kohls: Finger weg von Prognosen! Immer wenn die Partei totgesagt wurde, hat sie die Propheten widerlegt. Ob Helmut Kohl noch einmal Kanzler wird, kann von Europa abhängen - vor allem aber wird es davon abhängen, ob die Freien Demokraten überleben.

Ohne sie als Bündnispartner kommt er im Herbst nicht noch einmal ins Amt.

Umgekehrt gilt aber auch: Die FDP setzt so sehr auf ihn, daß man schon annehmen kann, ihr Schicksal sei mit dem des Ancien régime nahtlos verkoppelt.