In deutschen Trümmern

Wenn ein Schriftsteller über den Zaun des literarischen Geheges steigt, ist er nicht mehr Herr der Worte. Zum Beispiel das Kriegsende 1945: Gab es Sieger und Besiegte? Gewinner und Verlierer? Nur Gewinner (Befreier und Befreite) oder nur Verlierer (weil im Krieg alle Beteiligten verlieren)?

In der militärischen Terminologie gesagt: Ein Angehöriger der "Sieger" hält sich im Land der "Besiegten" auf, und fünfzig Jahre später haben die Leser des ehemals "besiegten" Gelegenheit, seine für die Leser des "siegreichen" Landes verfaßten Berichte zu lesen. Dem Berichterstatter fehlen die Begriffe.

Den Resten von Glanz und den Bergen von Elend, die das "Dritte Reich" hinterlassen hat, steht er ohne die Kategorien von Moral, Schuld, Verantwortung, gar Ehre gegenüber, wiewohl sie in seinem Gepäck sind. Denn er ist nicht nur ein großer Schriftsteller, sondern ein hochpolitischer Mensch: John Dos Passos reiste im Spätherbst 45 nach Europa, durch die Trümmer von Frankfurt am Main und Berlin, in die hessische Provinz, nach Wien, Paris und zu den Nürnberger Prozessen, wo er die Beweisaufnahme des Anklägers Robert Jackson anhört: "Wir Amerikaner kommen ein wenig stolz auf die Beine, weil es ein Landsmann von uns war, der diese Worte gesprochen hat."

So prägt auf der einen Seite Dos Passos' nationaler Blickwinkel seine Beschreibungen. Gesprächspartner und Begleiter sind fast immer amerikanische Militärs, und dieser Filter ergibt ein neues, von wenig Mitgefühl und viel Zynismus, herablassender Liebesmüh' und bangem Befremden geprägtes Bild der Deutschen. Zugleich enthüllt die Linse des Beobachters, von keinem Verständnis der Landessprache getrübt und ganz auf die eigene Schärfe angewiesen, das Ausmaß der Verheerung bis in ihre grotesken Auswüchse, etwa das Schicksal der Elefanten im Frankfurter Zoo.

Nicht die Tragik, die den deutschen Selbstblick leitete, sondern ein urteilsloser Realismus, eine ungewöhnliche Variante des Stunde-Null-Gefühls kennzeichnen die frappierend gegenwärtige Atmosphäre der Reportagen.

Naiv-folkloristisch sind dagegen manche Guckkasteneindrücke auf dem Land, wo die "Krauts" wie Gartenzwerge zwischen Fachwerk und Gotik, Kuckucksuhr und Misthaufen auftreten, oder in Wien, dem "halbverfallenen Rummelplatz", dort, wo sich "ein amerikanischer Soldat oben auf einer der ausziehbaren Leitern eines der großen, roten städtischen Feuerwehrwagen mit den Glühbirnengirlanden abmüht, die die überdimensionalen Porträts Lenins und Stalins zieren".

Auf der anderen Seite ist der Patriotismus des Gelegenheitsjournalisten, der sich 1945 auf halbem Weg vom Kommunisten zum McCarthy-Anhänger befand, gebrochen. Die alte Skepsis gegenüber der liberalkapitalistischen Utopie ergänzt die neue Enttäuschung über die sozialistische. Dos Passos läßt es sich nicht nehmen, die amerikanische Öffentlichkeit mit Eindrücken aus der Frankfurter Wohnung eines Offiziers zu brüskieren, der sich, verwöhnt von Dienstboten und Starköchen, auf einem Louis-quinze-Sofa zu Tode langweilt.

In deutschen Trümmern

Genauso unerbittlich registriert er die Verwahrlostheit der russischen Verwalter. Am Ende ist - zwischen den Trümmern seiner politischen Hoffnungen und denen, die die "gerechten Bomben" hinterließen - seine Prognose schwarz.

So, wenn er sich selbst in einem Interview zitiert: ",Was war das Ergebnis des Versailler Vertrags?' - ,Faschismus.' - ,Und was werden, glauben Sie, die Ergebnisse dieses Friedens sein?' - ,Faschismus im Quadrat, fürchte ich.'"

Die Reportagen sind als historisches, politisches, biographisches Dokument und als "Übersetzung" zwischen deutscher und amerikanischer Sichtweise lesbar, und sie wären noch lesenswerter, wäre nicht gerade die Übersetzung aus dem Amerikanischen mißglückt. Wie ein Freudscher Lapsus wirkt die Rede vom "radebrechenden Englisch" oder die Wendung: "Die Stimme der deutschen Dolmetscherin folgt der des Staatsanwalts wie ein schrilles Echo der Vergeltung auf dem Fuße." So werden treffende Bilder verhunzt, und bei der literarischen Schilderung der Rückreise scheitert der Übersetzer endgültig an den komplexen Satzstrukturen. Daß auf jeder Seite drei bis fünf Kommafehler vorkommen, mag im Zeitalter der Rechtschreibquerelen als oberlehrerhafte Bemerkung erscheinen. Aber man muß nicht einmal die Sprache als letzte Utopie betrachten, um wenigstens von Professionellen zu verlangen, sie nicht als Trümmergrundstück zu behandeln.

John Dos Passos: Das Land des Fragebogens Aus dem Amerikanischen von Michael Kleeberg Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1997 140 S., 34,- DM