Wien. Winter. Bruegel: Wenn das nicht die Schillinge in den Museumskassen klingeln läßt. Die Villa Hügel in Essen zeigte im Sommer die Bilder der Bruegel-Söhne Pieter d. J. und Jan d. Ä. (siehe ZEIT Nr. 36/97). Das Werk des berühmten Vaters, zu fragil, zu kostbar zum Reisen, wartete in Wien auf die Familienzusammenführung. Dort setzt man jetzt auf den Vermeer-Effekt. Nur vierzig Bilder des alten Bruegel sind bekannt. Zwölf davon besitzt das Kunsthistorische Museum. Erbstücke aus dem Schatz Kaiser Rudolphs II. Drei Leihgaben konnten die Wiener dazu ergattern. Macht zusammen ein gutes Drittel von Bruegels erhaltenen Gemälden.

Karge Beute, verglichen mit den Anstrengungen der Vermeer-Aussteller.

Gleichwohl, die Kunsthistoriker versuchen sich als Werbeagenten. Organisieren einen Kartenvorverkauf, schwatzen vom Übergenie des Vaters, wollen ihn mit den Söhnen konfrontieren und schüren Erwartungen, als ob es endlich um die Enthüllung des künstlerischen Genius gehe: Bruegels runzelige Bauern nach Vermeers knisternden Taften, Kunstgeschichte als Sensationsgeschäft.

Aber der Maler selbst gibt sich maulfaul. Nur wenig ist über ihn bekannt: das Geburtsjahr geschätzt (1526/30?), der Geburtsort (Bruegel bei Breda?) eine vage Vermutung, die Hochzeit mit Maria Coecke (1545?) ebenfalls. Schon 1569, zwei Jahre nach Errichtung der spanischen Schreckensherrschaft in den Niederlanden, starb Bruegel.

Faszinierendste Tatsache von allen erforschten Lebensdaten ist seine mehr als zehnjährige Freundschaft mit Abraham Ortelius, dem peintre des cartes, dem Geographen und Herausgeber des ersten modernen Atlas. Auf einer Grand Tour reiste der Maler mit dem Forscher zwischen 1552 und 1555 von Frankreich aus durchs Hochgebirge nach Italien. Für Bruegel war das eine Initialzündung: Bergformationen, Flußgeschlängel, Dörfer, Städte, Bauern, Reisende. Die Welt im Überblick - das wurde sein Thema.

Doch das ist alles bekannt. Was also bieten die Wiener für die Spannung, die sie erzeugten? Zwei Katalogbände Bruegel im Schuber. Einen neu gehängten Prachtsaal mit den Werken Pieters des Großen, in den hinteren Gemächern dann die Söhne. Kein Gedanke daran, das Genie tatsächlich in einen platten Vergleich zu zwingen.

Das erwartete Kräftemessen findet auf einem anderen Turnierplatz statt. Die Wiener ergreifen die Gelegenheit beim Schopf und bezichtigen (mit der Überzeugungskraft der Gemäldebesitzer) ganze Generationen von Bruegel-Forschern des Irrtums. Was die Fachleute, so der Vorwurf, in das Werk Pieters des Großen hineindichteten, sei nichts weiter als Kunsthistoriker-Kabbala. Das Gegenangebot? Man solle doch endlich einmal die Kunstwerke "dem Auge überlassen". Das Wiener Kunsthistorische Museum präsentiert den eindeutigen Bruegel, Bruegel für jedermann.