Irgendwo geht irgendwer durch eine Landschaft. Ein Mensch mit müdem aufgeschwemmtem Gesicht, das an eine Schüssel Heringssalat erinnert. Eine Alte in Filzstiefeln guckt den Hühnern zu, die in der Asche scharren. Grün schimmert das Gras, der Wind riecht nach Blüten. Irgendwo steht ein einsamer Beobachter mit einem Kloß im Hals. Der Wind und die Asche und Whisky am frühen Morgen für ein paar arme Sätze. So ist es, und so wird es bleiben.

"Leben. Was ist Leben?"

In Anatoli Gawrilows fast tonloser Prosa sieht es fast so aus, als ob es nicht der Mühe wert sei. Die Musik wird immer woanders gespielt. Man schafft es nicht bis dahin, keine Kraft. Nur der Suff gibt ein bißchen Energie, mit der man dann den Rest zerschlägt.

Der Mensch braucht das Glück. Tagsüber ist nicht daran zu denken. Da muß man Hühner füttern oder irgendwelche sinnlosen Handgriffe erledigen. Wenn das Schicksal es sehr gut mit einem meint, darf man, wie der Maler Arnautow, die Stirnseite der neuen Post mit einem Mosaik verzieren, "grübelnde Arbeiter" oder so. Wozu hat man in Amerika Malen studiert! Abends im warmen Bett tauen die gefrorenen Träume auf. Für den "demobilisierten Schweinehirten" Victor Petuchow dreht sich dann das Riesenrad die ganze Nacht und mit ihm "Dutzende, Hunderte, Tausende unbekannter geheimnisvoller Mädchen". Und Rosa Kulbakina, die unansehnliche, nichtsdestoweniger von der halben Kompanie bedrängte Kasernenköchin wird von einem schönen Offizier nach Moskau kutschiert, um dort von allerhöchster Hand einen Orden zu bekommen: "Für Standhaftigkeit beim Klopfen an die Tür in der Raketenabteilung, stationiert in den fernen Sumpfwäldern".

Dekoriert werden die "Helden der Arbeit" immerhin noch im Traum. Diesen Luxus eines bescheidenen Humors leistet sich Gawrilows Prosa doch. Das Leben ist eine dünne Wassersuppe. Das Salz darin spenden die paar Tränen, die man darüber lacht. Das Imperium ist zusammengebrochen. Und die Konkursmasse Mensch steht immer noch gebückt da, doch auf den Schultern lastet nur noch die Leere. Und in den Köpfen. Ein großes vaterländisches Nichtverstehen. "Was tun?" Handlungen nicht möglich. Nur Übersprungshandlungen. Skinners Tauben picken nervös ins Leere, wenn sie ihre Aufgabe nicht verstehen. So ist es mit dieser Sprache. Sie sagt nicht, was jeweils zu sagen wäre. Denn das weiß hier niemand. Sie pickt ins Leere.

Anatoli Gawrilow, 1946 in Mariupol am Asowschen Meer geboren, absolvierte das Gorkij-Institut für Literatur in Moskau. Heute lebt der Diplomschriftsteller in Wladimir, wo er Gurken und Kartoffeln zieht und Telegramme austrägt.

Heldenstadt Wladimir. Hier stand einst das größte Traktorenwerk der Welt. Es steht immer noch, und die Helden der Arbeit sind immer noch überall in der Stadt groß plakatiert, doch die meisten längst abgewickelt. Ab und zu baut die Schrumpfbelegschaft mit großer Improvisationskunst und ohne Lohn noch ein paar Maschinen zusammen. Doch ein Betrieb ist das nicht mehr. Eher ein Environment, eine Art Live-Installation: Die Werktätigen arbeiten an ihrer Selbstachtung.