Der Traum von kälteresistenten Organismen begann in den frühen sechziger Jahren. Damals entschlüsselten Forscher den Frostschutz der Polarfische im eisigen Wasser der Antarktis: Sogenannte Gefrierschutzeiweiße senken den Gefrierpunkt des Fischblutes, indem sie das Wachstum zerstörerischer Eiskristalle verhindern.

Kaum war dieses Phänomen erkannt, sprudelten auch schon die Ideen. Wäre es nicht möglich, solche Eiweiße zu nutzen, etwa zum schonenden Einfrieren von empfindlichem Gewebe? Normalerweise zerstören Eiskristalle beim Einfrieren und Auftauen die Zellmembranen. Deshalb geht Blattsalat im Gefrierfach kaputt, deshalb rinnt roter Saft aus aufgetautem Fleisch. Ließe sich so etwas verhindern? Mit dem Aufkommmen der Gentechnik waren der Forscherphantasie keine Grenzen mehr gesetzt: Man schleuse einfach Gene für kälteschützende Eiweiße in andere Organismen ein, und schon werden kälteresistente Pflanzen und Tiere Wirklichkeit.

Auch Andreas Wöhrmann wurde von der Euphorie gepackt. Der Biologe, der damals am Institut für Polarökologie in Kiel arbeitete, fuhr 1989 mit dem Forschungsschiff Polarstern in das Weddellmeer vor der antarktischen Küste, um dort den Silberfisch Pleuragramma antarcticum zu untersuchen. Das unscheinbare Fischchen lebt bei minus zwei Grad. Blut so dickflüssig wie Sirup zwängt sich durch Pleuragrammas Adern, angetrieben von einem riesigen Herzen. In diesem Blut fand Wöhrmann tatsächlich massenweise Gefrierschutzeiweiße. Im Labor in Kiel isolierte und charakterisierte er die kälteschützenden Proteine.

Inzwischen hat Andreas Wöhrmann seine Analysen abgeschlossen und das wichtigste Ergebnis kürzlich publiziert. So entdeckte er im Silberfisch ein neuartiges Eiweiß, das alle bislang bekannten übertrifft: Es kann den Gefrierpunkt von Wasser um weitere zwei Grade senken.

Doch der anfängliche Enthusiasmus ist heute kühler Nüchternheit gewichen.

Denn der Gefrierschutz in Pflanzen und Tieren hat sich als wesentlich komplexer herausgestellt, als Industrie und Forschung wahrhaben wollten.

Plötzlich sprechen Wissenschaftler auch von komplizierten genetischen Mechanismen: Möglicherweise unterstützen sich im Blut der Polarfische verschiedene Gefrierschutzeiweiße und andere Proteine gegenseitig und verstärken so die Wirkung gegen das tödliche Eis. "Der praktische Nutzen der Gefrierschutzeiweiße ist bis heute nicht ausgereift", resümierten Robert Feeney und David Osuga von der Universität von Kalifornien in Davis unlängst in einer Fachzeitschrift der Lebensmitteltechnologie. Mit dem einfachen Einschleusen und Einschalten eines einzelnen Gens ist es jedenfalls nicht getan.