Leistungsdruck reicht nicht

KÖLN. - Das Bildungsniveau in Deutschland sinkt, der Standort Deutschland ist gefährdet. Der Bundespräsident hält eine ermahnende Rede über den alarmierenden Stand der heimischen Bildungssituation im internationalen Vergleich. Politiker verfassen dubiose Gesetze, die das Leid lindern sollen.

Gegen diese Gesetze streiken die Studenten, wofür wiederum der Bundeskanzler vollstes Verständnis hat.

Doch für was gehen die Studierenden auf die Straße? Für ein Bildungssystem, das weit gefächert ist, jedoch kaum einem jungen Menschen gerecht wird. Für was werden wir da ausgebildet? Für eine Ordnung, die sich von den wahren Bedürfnissen der Menschen immer weiter entfernt. Die industrielle Revolution machte in knapp anderthalb Jahrhunderten die Menschen zu Marionetten ihrer eigenen Ideen, Erfindungen und Entwicklungen, die sie nun zu überfordern und ersetzen drohen. Was wir in dieser Zeit an Freiheiten gewinnen konnten, geht uns jetzt durch den steten Drang nach mehr Dynamik wieder verloren.

Man wird von klein auf mit dieser Ordnung vertraut gemacht, um sich möglichst früh einen Platz in ihr zu sichern: Ausbildung ist alles, sonst hast du keine Chance. Die Globalisierung verstärkt diesen Druck noch zusätzlich: Also los, schnell, schnell! Bild dich, und verträume bloß deine Zeit nicht! Nun gut, raus aus der Schule, rein in die Ausbildung, Praktika - schon mal reinschnuppern, Hausarbeit - immer tüchtig die Zeit nutzen, Auslandssemester - sich international fit machen, Abschluß, eventuell noch spezialisieren - Vorteile sichern. Ruck, zuck fertig ist der reife, energiegeladene Mensch, der sich mit all seinem Wissen der Welt zu Diensten stellt und hofft, daß sich dieses Dienstverhältnis dereinst umdreht. Und mit Sicherheit: Ist er gut, wird der Erfolg nicht ausbleiben. Die anderen, die nicht verstanden haben, worum es im Leben geht, bleiben auf der Strecke. Tja, jeder ist halt seines eigenen Glückes Schmied.

Glück? Wieso Glück? Ich sage: Pech gehabt! Solch ein Leben geht kurzsichtig am Entscheidenden vorbei: am eigenen Ich und an seinen Mitmenschen, in denen es sich spiegelt, über die es sich findet und definiert. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Aber wie kann ich mich lieben, ohne zu wissen, wie und wer ich bin? Kann ich jemanden, mich, lieben, von dem ich nur ein verschwommenes Bild in einer künstlichen Ordnung habe? Nein, kann ich nicht.

Somit bin ich leider auch nicht in der Lage, eine Beziehung, schon gar keine Liebe zu meinen Mitmenschen aufzubauen. Das, was das Leben lebenswert macht, das harmonische Miteinander in einer Gesellschaft, kann so nicht stattfinden.

Deshalb: Wir dürfen uns nicht von dem Druck des Um-jeden-Preismithalten-Könnens zwingen lassen. Wir müssen uns entspannen, nach hinten lehnen, um frei träumen zu können. Träumen von uns, von der Gesellschaft, in der wir leben, und davon, was wir in ihr erreichen wollen.

Leistungsdruck reicht nicht

Auf einem Weg, der uns entspricht, uns, die wir doch so verschieden veranlagt sind und so unterschiedlich geprägt wurden. Wir müssen unsere ganz persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnisse finden, ihnen folgen, um so erfolgreich und zufrieden zu einer wirklichen Bereicherung für unsere Umwelt zu werden. Wir müssen den Mut aufbringen, bereits bestehende Freiräume mit Ideen und Inhalten zu füllen, um sie so zu erweitern.

Helfen kann uns dabei nur ein Ausbildungssystem, das nicht versucht, dem Druck blasser Märkte zu entsprechen, sondern junge Menschen zu sich selber finden läßt. Nur wenn sie ihrer selbst sicher sind, können sie bei der Aufgabe helfen, von der alle reden: den Standort Deutschland zu stabilisieren.

Dominik Michaelis studiert Geschichte und Soziologie in Köln.