Monopoly der Reiseriesen

An teuren Fernreisen herrschte noch nie ein Mangel. Daran hat sich auch nichts geändert, seit die Bundesbürger nicht mehr so gut bei Kasse sind wie in früheren Jahren. Selbst der Bahnveranstalter Ameropa, mitnichten ein Exzentriker unter den Anbietern, präsentiert nun eine Reise um die Welt in vierzig Tagen (und auf 30 000 Kilometern Schienennetz) für 19 750 Mark. Es ist ein leichtes, für einen Ausflug in die Arktis oder Ferien auf einem Luxusliner sogar das Doppelte auszugeben.

Als die großen Reiseveranstalter wie gewohnt zum Jahresende ihre Kataloge für 1998 vorstellten und kundtaten, daß sie erneut mit noch mehr Kunden einen noch höheren Umsatz erzielt hätten, klang das ganz nach einem business as usual. Daß sich dennoch etwas verändert hat im Land der Reiseweltmeister, zeigte sich lediglich an einer Marginalie. Die Münchner Frosch Touristik Gruppe (FTI) ließ wissen, daß sie Kunden, die plötzlich arbeitslos werden oder nach Arbeitslosigkeit wieder einen Job finden, die Stornogebühren für eine zwischenzeitlich gebuchte Reise erlassen wird. Ähnliches Entgegenkommen signalisierte auch die TUI. Fürs Image sind derartige Verlautbarungen immer gut.

Eine Erhebung der GfK Marktforschung besagt, daß in nur sechzig Prozent der von ihr befragten Haushalte für dieses Jahr eine Urlaubsreise geplant wird - ein Niederschlag verminderter Realeinkommen und wenig glorioser Zukunftsaussichten.

Um so vehementer versuchen die Reiseveranstalter mit allen werblichen Verführungskünsten, die unwillige Klientel doch noch zu einem Ferienaufenthalt zu bewegen, indem sie sich gegenseitig mit Billigangeboten übertrumpfen.

Das Ausmaß dieses Catch-as-catch-can wurde deutlich, als die Touristikgruppe LTU noch vor Jahresende ihre bereits ausgedruckten Katalogpreise zu Makulatur erklärte und zur Korrektur schritt, indem sie die angegebenen Hauptsaisonpreise zu Nebensaisonpreisen erklärte. Ein bisher einmaliger Vorgang. Nach einem Blick auf die Offerten der Mitbewerber mußte sich das Unternehmen eingestehen, daß es zu großzügig kalkuliert hatte. Der Veranstalter kurvte bei, obwohl er als einziger unter den Großen ein sattes Umsatzminus zu verzeichnen hatte und nun zusehen muß, wie er das Defizit schnell wieder aufholt.

Auch NUR zeigte sich bei der Präsentation seines Sparreise-Kataloges nicht zimperlich. Die Neckermänner legten einen Preisvergleich der eigenen Angebote mit denen der schärfsten Konkurrenten Alltours, Tjaereborg und der TUI-Marke Eins-Zwei-Fly vor. Bei Preisen zwischen 910 und 1573 Mark für einen zweiwöchigen Aufenthalt in denselben Hotels auf Mallorca, Ibiza und in der Türkei waren die Mitanbieter bis zu 313 Mark teurer.

Das Wettrennen um die Kundengunst wird sich künftig noch beträchtlich verschärfen, denn die Branche steht vor dramatischen Umwälzungen wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Sie muß alle verfügbaren Kräfte konzentrieren, um sich fit zu machen für die große europäische Arena, für den Wettbewerb über die eigenen Landesgrenzen hinaus.

Monopoly der Reiseriesen

Einen Vorgeschmack auf die Chancen, die ihnen ein liberalisierter europäischer Markt künftig eröffnet, bekommen die Verbraucher bereits seit fast sechs Jahren. Seitdem bietet die Deutsche BA, eine Tochter von British Airways, dem Monopolisten Lufthansa auf innerdeutschen Strecken die Stirn.

Nun tritt sie mit dem Kampfpreis von 149 Mark für die einfache Strecke Frankfurt-München an und bedient diese seither mit acht Flügen täglich. Zudem ließ die Airline wissen, daß sie auf dem deutschen Markt weiterhin zügig expandieren will.

Erstmals fliegt in diesem Winter die Chartergesellschaft Britannia, eine Tochter des englischen Reisekonzerns Thomson Travel, FTI-Kunden direkt von deutschen Flughäfen zu den Ferienanlagen in der Dominikanischen Republik - bis zu einem Drittel billiger als die Konkurrenz, wie Firmenchef Dietmar Gunz behauptet. Kuba und Jamaika sollen die nächsten mit Britannia angesteuerten Ziele sein.

Ungewiß ist noch, ob das deutsche Publikum den engeren Sitzabstand in den britischen Charterflugzeugen klaglos hinnimmt oder reumütig zu deutschen Bedarfsfliegern zurückkehrt. Die Zukunft wird auch zeigen, ob die unterschiedlichen Reisegewohnheiten von Briten und Deutschen wirklich so gravierend sind, wie bisher behauptet. Denn die englischen Reisemultis Thomson und Airtours lassen keinen Zweifel daran, daß sie zum Sprung auf den deutschen Markt ansetzen.

Längst sind ja auch bundesrepublikanische Unternehmen in den Nachbarstaaten und in den Ländern Osteuropas präsent und aktiv. Jüngst fusionierte TUI mit zwei Schweizer Veranstaltern. Die spanische Hotelkette RIU befindet sich zur Hälfte im Besitz der Hannoveraner, Iberostar gehört zu vierzig Prozent der NUR.

Als die beiden Reiseriesen im vergangenen Jahr darangingen, ein Oligopol von beträchtlichem Umfang anzusteuern, rief ihr Eifer postwendend das Kartellamt auf den Plan. Das gelbe Lager, die Vereinigung von NUR und dem Charterflieger Condor zur C & N Touristik AG, hat sich inzwischen mit dem Segen der Berliner Wettbewerbshüter formiert. Jedoch steht das Placet für das rote Lager, benannt nach den Hausfarben der TUI, die sich unter dem Dach der Preussag mit Hapag Lloyd und LTU vereinigen möchte, derzeit noch aus.

Die Fusionen und Kooperationen werden weitergehen, der Branche steht eine turbulente Zeit bevor. Schon hat das DER öffentlich kundgetan, daß es auf Freiersfüßen unterwegs ist und nach neuen Partnern Ausschau hält. Wer bisher solo über die Runden kam, wie ITS und Alltours, zieht begehrliche Blicke auf sich.

Monopoly der Reiseriesen

Eine Befragung der führenden Touristikfachzeitung fvw international zum Jahresende 1997 macht augenfällig, wie gering der Anteil kleinerer Unternehmen am Gesamtumsatz ausfällt. Die Erhebung, die knapp zwei Drittel des gesamten Veranstaltermarktes umfaßt, zeigte, daß die zehn Größten (TUI, NUR, LTT, DER Tour, ITS, Alltours, FTI, Öger, Kreutzer und Fischer) zusammen 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet haben, davon TUI und NUR allein 44 Prozent.

Eine weitere Ausweitung ihres Machtbereiches würde den Platzhirschen der Branche ungeahnte Chancen eröffnen. Denn je dominanter ein Konzern, um so günstigere Preise kann er beim Großeinkauf von Hotelzimmern, Flugsitzen und anderen Serviceleistungen aushandeln, vor allem in den Gebieten rund ums Mittelmeer, wo die Unternehmen mit uniformem Sand-und-Sonne-Urlaub den Löwenanteil ihrer Einkünfte einfahren.

Letztlich aber geht es noch um weitaus mehr bei diesem Monopoly. Wer Airlines, Hotels und sogar Reisebüroketten in seinen Besitz bringt, spart die hohen Summen, die er sonst für diese Fremdleistungen aufwenden müßte. Alles in einer Hand - diese Situation ist in den britischen Touristikkonzernen bereits Realität. Ihr Gewinn übersteigt den der deutschen Firmen um ein Vielfaches.

Was aber bleibt für die mittleren und kleinen, in weiten Teilen noch mittelständisch organisierten Betriebe? Sie werden künftig nur in den Nischen überleben können, die ihnen die Multis lassen. Doch nicht einmal dort sind sie sicher, wie Beispiele belegen. Im Herbst brachte Studiosus den Katalog "Me & More" mit maßgeschneiderten Angeboten für die wachsende Zahl der Alleinreisenden heraus. Kurz darauf warf Single-Travel, bis dahin Marktführer in diesem Bereich, das Handtuch.

Daß potente Veranstalter verstärkt auch bestimmte Zielgruppen ansprechen, offenbaren Katalogtitel wie "Young Line" (Studiosus) und "Free World", die sich an 20- bis 35jährige wenden. IKD Reisen und fit-Reisen, die vor Jahren den Urlaub für Gesundheitsbewußte aus der Taufe gehoben haben, müssen sich nun gegen die Offerten von "Vital" (TUI) behaupten. Es gibt Extrakataloge für Städte- und Erlebnisreisen, für Sport- und Sparwillige, neuerdings sogar einen, der die "Bade Parcs" in Deutschland, Holland und Belgien zusammenfaßt.

Jedem Vorreiter folgt alsbald ein Nachahmer, ob es nun um Cluburlaub, All-inclusive-Ferien oder Last-minute-Angebote geht. Sogar die Lufthansa gibt nun freie Flugsitze an den Last-minute-Profi L'Tur ab, der daraus Arrangements mit Hotelunterkunft bastelt. Denn der Trend zum kurzfristigen Buchen hält unvermindert an.

Die Lufthansa spart im Kleinen - und rüstet sich zugleich für einen weltweit geführten Wettbewerb. Unter dem Namen Star Alliance ist sie mit United Airlines, SAS, Thai Airways und Air Canada ein Bündnis eingegangen, das ihre Position international stärken und ihren Fluggästen mehr Service und Bequemlichkeit sichern soll. Eine Investition in die Zukunft, denn in einigen Jahren werden vier von fünf Passagieren Privatreisende sein.

Monopoly der Reiseriesen

Immer öfter ordern Interessenten den Badeurlaub, der keiner Beratung bedarf, telephonisch über sogenannte Call Center. Auch im Internet schauen sie sich um, wenngleich die dort gespeicherten Offerten vorerst weiter im Reisebüro gebucht werden müssen. Die früher unangefochtene Symbiose zwischen Veranstaltern und Reisebüros erweist sich zunehmend als eine kippelige Ehe, belastet von der Angst der Verkaufsstellen, neue Verkaufsmethoden könnten sie überflüssig machen.

Reisebüros werden für Kunden, die Exklusiveres suchen als einen Urlaub von der Stange, weiterhin unentbehrlich sein, fragt sich nur, ob sie dabei genug verdienen. Einige Agenturen sind bereits dazu übergegangen, eine Beratungsgebühr zu verlangen, weil sie sonst nicht über die Runden kämen. Um ihre finanziellen Risiken zu mindern, schließen sie sich verstärkt größeren Ketten an.

Der Tourist braucht sich jedoch um die Turbulenzen hinter den Kulissen nicht zu scheren. Alles, was er will, ist ein schöner Urlaub zu möglichst günstigen Preisen. Seine Chancen dafür stehen gut. Zwar verteuert der starke Dollar eine Reihe von Zielgebieten, allen voran die USA, doch preiswerte All-inclusive-Angebote in der Karibik bieten Alternativen. Und die schwächeren asiatischen Währungen könnten den Fernen Osten wieder interessant machen. Entsprechende Angebote wird es gewiß bald geben, denn nach den Smogwolken im vergangenen Jahr möchten Indonesien, Malaysia und Singapur ihr lädiertes Image aufpolieren. Ob es Ägypten allerdings gelingt, mit Niedrigstpreisen den Schock von Luxor vergessen zu machen, ist zweifelhaft.

Und wie steht es um die Ferienfreuden der Deutschen im eigenen Land? Erst die Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen F.U.R., alljährlich während der Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin veröffentlicht, kann darauf eine verbindliche Antwort geben. Dieser Erhebung wird auch zu entnehmen sein, ob sich die Reiseintensität der Bundesbürger weiter vermindert hat. Und wie viele Reisewillige 1997 zu Hause bleiben mußten, weil sie das Geld für einen Trip in die Ferne nicht mehr zusammenbringen konnten.