Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer. Das skandierten deutsche Studenten vor dreißig Jahren. Die gewollt groteske Rhetorik einer "Utopie" ist der Ausgangspunkt einer Ausstellung in Wien über die "Zeitgenössische Kunst und das Alpine". Die Alpen dienen dabei als doppeltes Klischee: als Inbegriff der unverrückbaren Natur und als deren endlos wiederkehrendes Abziehbild.

Als Schlüsselbild ist Gerhard Richters großer pastoser Fünfteiler "Alpen" von 1968 in den Raum gestellt - eine gründliche malerische Übung in Gleichmut.

Richter macht keinen Unterschied zwischen dem tödlichen Gletscher und dem guten Ausblick, der touristischen Fixierung und der archaischen Größe. Es bleibt vage, woher das Motiv stammt: aus erster oder dritter Hand. So wie ein einziges Schulterzucken ein großes Palaver beenden kann, reiht Richter die Alpen ein ins Repertoire verfügbarer Vorlagen. Er planiert den Mythos und stellt die Form aus, eine strukturalistische Tätigkeit.

Anders als Richter, der Maler aus Köln, der sich das Après-Ski in Sils-Maria mit dem Übermalen alpiner Photographien vertreibt (oder finanziert), sind die meisten Künstler der Ausstellung "Alpenblick" mehr als Gäste in den Bergen.

Sie waren Tiroler Kinder oder hausen jetzt über einem Mühlbach bei St.

Gallen.

Die größte Wand der Ausstellung zeigt in einfacher graphischer Manier ein Schneegipfelpanorama gegen den nachtschwarzen Himmel bei Vollmond: eine ins Gigantische übertragene Skizze von Hamish Fulton, dem Londoner Künstler, der eine Monatswanderung von Valence nach Wien machte. Er mag wohl der einzige sein, der den Plural der "Horizonte" überblendet zu einem Gesamtkunstwerk.