BUXTEHUDE. - Annegret Kruse ist eine attraktive und starke Frau. Und weil sie das ist, gibt es um sie Krach. Das schreibt Ingrid Scherzer-Hartz in ihrem "Frontbericht aus Buxtehude", dem Buch "Männerland in Frauenhand". Die Autorin rekonstruiert darin die Wahl von Annegret Kruse zur Stadtdirektorin und ihre gescheiterte Abwahl. Das Buch, das in der Stadt 200mal verkauft wurde, haben die einen als literarische Umsetzung einer Provinzposse gelesen, andere weigern sich, das Buch überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Es beschreibt den Sittenverfall in der Politik Buxtehudes seit dem Amtsantritt von Annegret Kruse.

Vor vier Jahren wählte der Rat sie zur Stadtdirektorin. Die SPD-Frau hängte durch ihr sicheres Auftreten andere Bewerber ab. Im nordrhein-westfälischen Gronau war sie Dezernentin gewesen. Jetzt wollte sie die Buxtehuder Verwaltung reformieren.

Zwei Jahre später scheitert die Abwahl der Stadtdirektorin durch die eigene Fraktion nur knapp. Überzeugende Gründe gegen sie können ihre Gegner nicht vorbringen. Es heißt, die Chemie zwischen der energischen Enddreißigerin und den überwiegend alten Herren, die in Buxtehude das Sagen haben, stimme nicht.

Die Feministin Scherzer-Hartz behauptet, Annegret Kruse habe als Frau ein männliches System irritiert, die deutsche Verwaltung. Sie habe entgegen den Erwartungen der Politiker und Bürokraten Machtansprüche gestellt und sich durchsetzen wollen. Das hätte den Männern nicht geschmeckt. Eine Frau am falschen Ort, so meint sie. Annegret Kruse habe eine geschlossene Gesellschaft durcheinandergewirbelt.

Heute, zwei Jahre nach der gescheiterten Abwahl, betreiben Stadtdirektorin und Bürgermeister Wahlkampf, obwohl erst in drei Jahren die Entscheidung für das Amt des hauptamtlichen Bürgermeisters fällt. Wie auch andere Länder hat Niedersachsen die Doppelspitze von Stadtdirektor und Bürgermeister abgeschafft und wird in den örtlichen Rathäusern als Repräsentanten und Verwaltungschef nur noch einen Mann haben - oder eine Frau, Annegret Kruse eben.

Annegret Kruse irritiert viele Buxtehuder Funktionäre, weil sie in kein Klischee paßt. Sie zieht sich Handschuhe an beim Autofahren und gibt gern Gas. Sie hielt die Haushaltsrede gleich im ersten Jahr und nahm dieses Privileg dem Ersten Stadtrat. Sie setzt den Mitarbeitern Fristen und fragt nach, wenn Aufgaben unerledigt bleiben. Sie fördert den wirtschaftlichen Boom in Buxtehude, den junge Väter auslösen, die in Hamburg arbeiten, aber in der charmanten Stadt mit ihrer Familie leben wollen. Sie will ein zentrales Verwaltungsgebäude bauen, da die Verwaltung über die gesamte Stadt verstreut ist. Sie geht auf Sitzungen der Feuerwehr. Und o Schreck: Sie besucht Schützenfeste. Sie singt die alten Lieder lauthals mit und tanzt dann nicht nur mit ihrem Mann.

Der Fraktionsvorsitzende der SPD ist gegen Kruse. Gründe nennt er keine. Der Erste Stadtrat wäre gerne selbst Stadtdirektor geworden. Er düpiert seine Vorgesetzte, wo er kann. Der Bürgermeister sagte zu einem Ratsmitglied, das aus der SPD austreten wollte: "Wir machen die Kruse gemeinsam fertig." Um ihn zu halten, bot er ihm einen Platz im Kreistag an. Für die örtliche Zeitung ist der Fall Kruse ein gefundenes Fressen. Jede Kritik an Kruse wird gedruckt, und sei sie noch so nebensächlich. Der Lokalchef sagt: "Wenn sie ein Mann wäre, hätte sie das erste Jahr nicht überstanden." Wobei unklar ist, ob er Frauen für standhafter hält oder für unfähiger als Männer. Der Oberkreisdirektor des Landkreises Stade, der die kommunale Aufsicht über Buxtehude innehat, hat keine Schwierigkeiten mit der Stadtdirektorin. Sie mache ihre Arbeit ordentlich, sagt er und hofft auf Frieden. "Nur Frieden ernährt, Unfrieden verzehrt."