Bis April l994 fing die Menschenwürde gar erst bei 1000 Gramm an. Föten, die mit weniger Gewicht "ausgestoßen" wurden, waren rechtlich "Fehlgeburten", die in den Personenstandsbüchern nicht "beurkundet" werden durften - Klinikabfall. Es ist nicht zuletzt der bayerischen Staatsregierung zu danken, daß das 500-Gramm-Wesen - in verspäteter Angleichung an internationales Recht - Eingang in das rigide deutsche Personenstandsgesetz fand.

"So ein kleines Totengewand, wie Kelvin es mit seinen 460 Gramm brauchte, hatte das Bestattungsinstitut nicht." Also nähte Ruth B. (Name von der Redaktion geändert) ihm in den Nächten, die auf diese schreckliche Geburt folgten, das Kleidchen selber.

Kaum daß sie sich davon und von all den demütigenden Behördengängen erholt hat, wird sie zu ihrer Überraschung wieder schwanger. "Die Ärzte hatten mir doch gesagt, daß ich nie wieder ein Kind würde bekommen können." Die Angst, das Schreckliche könnte sich wiederholen, kämpfte sie nieder. "Ich sagte mir, so etwas passiert nur einmal."

Es passierte ein zweites Mal. Im sechsten Schwangerschaftsmonat, kurz vor Weihnachten 1995, bringt die Sechsunddreißigjährige ihren Sohn Kilian zur Welt. Tot.

Die Eltern möchten auch dieses Kind bestatten, in der Grablege Kelvins, aber Kilian hat kein Recht darauf, er ist zu leicht, er brachte nur 450 Gramm auf die Klinikwaage. Die Bitte, wenigstens seinen Namen neben den Kelvins auf das Grabkreuz schreiben zu dürfen, wird abgelehnt: Auf einem Grabmal darf nur draufstehen, wer auch drunter liegt.

Juristisch hat dieses Kind nie existiert. Medizinisch schon. Um eine Antwort auf die quälende Frage nach dem Warum zu finden, gaben die Eltern ihre Einwilligung zur Obduktion. "Da habe ich dann gelesen", sagt Ruth B. unter neuerlichen Tränen, "wieviel eines der Augen Kilians wog und wie lang seine Fingerchen waren." Sie schleppt das Bild seines zerschnittenen kleinen Körpers durch ihre Nächte. "Aber warum und woran er gestorben war, konnten sie mir trotzdem nicht sagen."

Oft lautet die Auskunft: "Placenta-Insuffizienz". Unterversorgung des Fötus über den Mutterkuchen. Noch öfter bleibt es bei einem Achselzucken: Man wisse es nicht, die Obduktion habe keine Todesursache zutage gefördert. Dann bleibt den Müttern, die in Hannah Lothrops Standardbuch "Gute Hoffnung, jähes Ende" nach einer Erklärung suchen, der Satz: "Es ist, als ob die Seele sich für dieses Mal gegen ein Erdenleben entschieden hätte."