Der Titel sagt alles und verbietet jegliche Illusion: "Der Kleine Bruder.

Deutschland und das Modell USA". Also noch ein Kompendium über die schöne Neue Welt, über die Dynamik, das Tempo, den Optimismus jenseits des Atlantiks, die wir Deutsche nun endlich nachahmen sollen? So einfach machen es sich die Autoren nicht. Sie wollen kein amerikanisches Schnittmuster für die deutsche Zukunft liefern, wohl aber an die Lernfähigkeit ihrer Landsleute appellieren.

Zu lernen gibt es ja tatsächlich eine ganze Menge von drüben. Das zeigt sich auch am Engagement der Verfasser, die beide in Amerika studiert haben und dem Land beruflich verbunden sind. Sie kennen jedoch nicht nur die Vorzüge des "Modells USA", sie benennen aus Erfahrung auch dessen Schattenseiten. Weil die zwei 33jährigen Journalisten forsch ans Werk gehen, gewinnen ihre Aussagen an Überzeugungskraft. Gleichzeitig strafen sie mit ihrem Alter den Eindruck Lügen, nur die graumelierte Kriegsgeneration kümmere sich - zumindest auf deutscher Seite - noch um das bilaterale Verhältnis.

Wie sehr Michael Behrens und Robert von Rimscha sich engagieren, offenbaren sie mit ihrer Sorge um den deutsch-amerikanischen Dialog. Nicht nur die "Nazi-Obsession" eines Teils der amerikanischen Öffentlichkeit und eine deutsche Neigung zu Flagellantentum sehen sie als Belastung. Mehr noch beunruhigen sie grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten und Mißverständnisse: beim Freiheitsbegriff beispielsweise. "In der Bundesrepublik begreift eine Voll-Kasko-Gesellschaft die Freiheit meist nur als Sicherungsinstrument gegen alle nur denkbaren Risiken des Alltags", meinen die Autoren. Die Amerikaner hingegen verstünden sie als willkommene Chance, Hindernisse mit eigener Kraft zu überwinden. Das trifft wohl den Kern. Und der Unterschied erklärt auch, warum die amerikanischen Vettern eher Visionen haben und flexibler sind, während die Deutschen vom Standort sprechen und damit einen gewissen Hang zur Unbeweglichkeit verraten.

Wohin die unterschiedliche Geisteshaltung in der Praxis führt, belegen Behrens und von Rimscha mit Horrorzahlen: In Deutschland arbeiten nur zwei Prozent der Schüler regelmäßig am Computer, in den Vereinigten Staaten neunzig Prozent in zweitausend amerikanischen Unternehmen der Biotechnologie sind hunderttausend Menschen beschäftigt, in zwei Dutzend deutschen Firmen tausend die durchschnittliche Kompensation für Arbeitnehmer in der Konsum- und Investitionsgüterindustrie liegt in den USA bei 17 Dollar pro Stunde, in Japan bei 26, in der Bundesrepublik bei 31.

Armes (teures) Deutschland? Bei allen Schwächen, ganz so einzigartig sehen die Verfasser die deutschen Probleme auch wieder nicht. Vielmehr entdecken sie in Amerika eine Menge paralleler Fehlentwicklungen. Mit dem Zustrom von Ausländern und deren Integration haben beide Länder ihre Schwierigkeiten.

Auch die Macht der Lobbies, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich oder "das Nebeneinander eines säkularisierten Staates und einer extrem individualisierten Gesellschaft mit Rückzugsräumen, in denen geschlossene Ideengebäude weiter vorherrschen", macht hier wie dort gleichermaßen zu schaffen.