Sie sind die unvergeßlichsten und, nach ihrem Elend heute zu urteilen, zugleich die vergessensten Juden auf der ganzen Welt. Sie leben, gut zweihundert Seelen, in der mittelukrainischen Stadt Bogoslaw, hundert Kilometer südlich von Kiew. Scholem Aleichem, der Schöpfer von "Fiddler on the Roof", hat zweimal an diesem Ort gelebt, zuerst als Waise, dann, 1877, als junger Privatlehrer vor den Toren der Stadt, wo er auch zu schreiben begann. In seiner Autobiographie erinnert sich Scholem Aleichem, wie er auf seinem ersten Ritt nach Bogoslaw an dem verfallenen jüdischen Friedhof vorbeikam. Den Friedhof gibt es heute noch, verfallen wie vor hundert Jahren.

Scholem Aleichem erinnert sich auch, wie er mit Freunden im Fluß Ros badete.

Die Jungen aus Bogoslaw tun das noch heute. Nur bestand die Stadtbevölkerung damals zu neunzig Prozent aus Juden. Heute sind es noch zwei Prozent.

Kommunistische Herrschaft und Naziterror haben die Welt des Schtetls ausgelöscht. Und während der "Fiddler" auf der ganzen Welt weiterspielt, machen sich nur wenige Leute klar, daß es knapp außerhalb der Hörweite des Singens und Tanzens dort noch Juden gibt, echte, lebendige. Und verzweifelte.

Doch in ihrer Verzweiflung und Armut haben diese letzten Angehörigen einer untergegangenen Welt Bemerkenswertes geleistet: Allen Widrigkeiten zum Trotz und ungeachtet des Umstands, daß es sich dabei allenfalls um einen kurzen Aufschub handelt, haben sie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion das jüdische Leben wiederauferstehen lassen, so gut es ging.

Das begann im Januar 1993. Damals erhielt Boris Grinburg, der in der Stadtverwaltung von Bogoslaw arbeitete, einen Anruf von Charles Hoffman vom American Joint Distribution Committee, einer jüdischen Hilfsorganisation, die 1914 von der Bankiersfamilie Warburg in New York gegründet worden war.

Grinburg konnte nicht glauben, was der Mann da sagte: "Er erzählte mir, er habe von einem Freund in Kiew gehört, daß ich jeden Juden hier im Ort kenne, und falls ich ein Treffen der Bogoslawer Juden veranstalten wollte, werde er dabeisein und uns helfen, uns zu organisieren." Grinburg legte den Hörer auf, kratzte sich am Kopf, ging los und mietete für drei Wochen später einen Saal.