Pünktlich um sechs Uhr hatte der Kellner Johannes R. an jenem Samstag morgen im September seinen Dienst im Hamburger Lokal "Hongkong" angetreten.

Die Kneipe auf St. Pauli war auch zu dieser frühen Stunde voll, und schon bald hatte er zu tun.

Einer der Gäste, Peter F., machte sich im dichten Gewühle an eine Dame heran, deren Begleiter das freilich keinesfalls hinnehmen wollte. "Schluß jetzt, oder ihr fliegt raus!" befahl der Kellner den streitlustigen Kavalieren - ohne Erfolg. Im Gerangel ging der Fummler zu Boden, ziemlich schwer verletzt, wie sich schließlich herausstellte. Der Polizei wird er später sagen, er habe "stundenlang" auf dem Fußboden gelegen, ohne daß sich irgend jemand um ihn gekümmert habe. Deshalb muß sich der 48jährige Johannes R. jetzt vor dem Hamburger Amtsgericht wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten.

Die Verletzungen des Mannes, die einen dreimonatigen Krankenhausaufenthalt notwendig machten, rührten allerdings nicht allein vom Sturz her. Peter F.

war schon mit einem gebrochenen, wenn auch mehrfach vernagelten Bein auf der Piste erschienen. Tatsächlich war er erst am Tag vorher aus dem Krankenhaus entlassen worden - und sofort zu jenem ausgedehnten Reeperbahnbummel aufgebrochen, der ihn dann in den frühen Morgenstunden ins "Hongkong" geführt hatte.

Der beschuldigte Kellner sagt, er habe von den schweren Verletzungen des Gastes nichts bemerkt. "Da war ein bißchen Blut an der Hose", nur so viel habe er gesehen, als ein anderer Gast ihn darauf aufmerksam machte, "daß der da unterm Tresen rumstrampelt". Und als Peter F. ihn gebeten habe, einen Krankenwagen zu holen, habe er das doch anstandslos gemacht.

"Ich habe mich wie ein Samariter benommen, ihn auf die Trage gelegt und ihm sogar noch eine Zigarette gegeben", gibt Johannes R. zu Protokoll. Und das, obwohl der Verletzte noch nicht einmal die Zeche bezahlt hatte! Die Anklage versteht der Kellner nicht: "Das ist doch alles Tünkram."