Arbeitslosigkeit. Rentenangst. Steigende Preise. Daß es in dieser Zeit kein schöner' Land gebe, das singt man vielleicht noch am Chiemsee oder in den Hamburger Elbvororten. Und vielleicht hält sich jenseits des Bosporus noch das Gerücht, in Deutschland lasse es sich leben. Zwischen Rhein und Oder hingegen wollen immer mehr Menschen vor allem eines: weg, und das nicht nur für einen Urlaub. Unisono belegen die Demoskopen von Emnid über Empirica bis zum Wickert-Institut denselben Trend mit immer neuen Ergebnissen: Je trüber die Nachrichten, desto konkreter werden offenbar die Abwanderungsgedanken. Etwa jeder zweite Deutsche kann sich inzwischen vorstellen, dauerhaft im Ausland zu leben.

Am stärksten scheint dieser Wunsch bei den Jungen ausgeprägt: Schon vier von fünf Jugendlichen schließen eine Auslandsperspektive für Job oder Ausbildung nicht mehr aus. Und von den heute Vierzig- bis Sechzigjährigen möchte sich bereits jeder vierte später am liebsten aus Deutschland verabschieden. Als Pensionär unter südlicher Sonne, so ein vielgenanntes Motiv, wird es sich dann lässiger und billiger leben lassen als daheim - ganz gleich, wie karg die deutsche Rente dann ausfallen wird.

Noch zählt niemand die Milliarden Mark, die mit den Abwanderern ins Ausland verschwinden. Mit dem Stichwort "Globalisierung" verbinden Wirtschaftsforscher hierzulande vornehmlich die Effekte internationaler Billigkonkurrenz und der Verlagerung von Arbeitsplätzen und Investitionen ins Ausland. Daß auch Bürger einfach weggehen und ihre Ersparnisse mitnehmen könnten, diese Möglichkeit taucht in den Zukunftsszenarien nicht auf.

Dabei sind die Zeichen der Zeit unübersehbar. Hatten sich 1991 noch nicht einmal 100 000 Auswanderer ins Ausland abgemeldet, so gaben vier Jahre später schon mehr als 130 000 Deutsche ihren Wohnsitz hierzulande auf. Um ein Vielfaches höher schätzen Experten die Zahl der Teilzeitaussteiger und Pendler mit Zweitwohnsitz irgendwo zwischen Toskana und Florida. Und geradezu rasant wächst das Beratungsbedürfnis derjenigen, die noch hier sind, aber bald wegwollen: Innerhalb eines Jahres, von 1995 auf 1996, stieg beim Raphaels-Werk, einer Auswandererberatungsstelle der Caritas, die Zahl der Beratungsgespräche um ein Drittel.

Alice Steinebach, Leiterin der Informationsstelle für Auslandtätige und Auswanderer des Bundesverwaltungsamtes in Köln, das die etwa siebzig regionalen Beratungsstellen für Auswanderer koordiniert, beobachtet einen Trend "hin zu einer gutgeplanten, wohlüberlegten Abwanderung, die oft von vornherein befristet ist". Anders als in der großen Auswanderungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg bricht der moderne Emigrant nicht mehr alle Brücken hinter sich ab, sondern plant einen begrenzten Lebensabschnitt im Ausland sei es der Karriere wegen, um den Kindern mehr Sonne und sauberere Luft zu gönnen oder ganz einfach zur Erprobung eines freieren, abenteuerlicheren und billigeren Lebens.

Michael Zink zum Beispiel hätte als Steuerberater in München sicher viel zu tun - wenn er hiergeblieben wäre. Aber Michael Zink heißt inzwischen Mike, lebt im sonnigen Arizona und verdient sein Geld damit, daß er Motorrad fährt. Der 35jährige hat zusammen mit dem Stuttgarter Kfz-Mechaniker Jürgen Lemoine, 27, die Firma Arizona Sunrides gegründet und begleitet nun seine Kundschaft auf blankgeputzten Harley Davidsons über endlose Wüstenhighways zum Grand Canyon und in wildromantische Westernstädtchen.

Heißt es nicht ständig, Flexibilität sei Trumpf und die Festlegung auf die berufliche Schmalspur von der Ausbildung bis zur Rente hoffnungslos von gestern? Aussteiger wie der bayerische Steuerberater machen Ernst mit dem Konzept des flexiblen Lebensentwurfes. Und das Spektrum der Möglichkeiten erweitert sich ständig. Aus dem australischen Alice Springs leitet die Sozialpädagogin Renate Schenk ihren Reiseführer-Verlag. In Neuseeland liefert der Düsseldorfer Michael Schellkes Bioeier an Läden und Lokale. Auf den karibischen Turks & Caicos Islands betreibt der Schwabe Peter Stingl ein Nudelrestaurant. Bei Sevilla koordiniert die Münchner Lehrerin Ernestine Lüdeke eine ökologische Agrarkooperative. In der Nähe von San Francisco betätigt sich Jörg Rupf, einst Richter am Bodensee, als Schnapsbrenner. Und auf den Philippinen betreibt Jörg Feyerabend, Softwareentwickler aus Pirmasens, tropisch-ökologische Landwirtschaft.