Daß Walter Benjamin nach dem Scheitern der beabsichtigten germanistischen Habilitation 1925 als Rezensent für die Frankfurter Zeitung, mehrere Zeitschriften (Literarische Welt, Max Rynchers Neue Schweizer Rundschau) und den Rundunk gearbeitet hat, ist seit langem bekannt. Daß er medientheoretisch zunehmend interessiert war ebenfalls. Nicht so indessen, daß dieser scheinbar so weltfremde Scholar, dieser marxistische Kabbalist, dieser alexandrinische Textmystiker auch medienpolitischen Fragen nicht abgeneigt war.

Das zeigt jetzt der dritte Band der "Gesammelten Briefe" (herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997; 594 S., 98,- DM). Benjamin setzt sich eingehend mit den Überlebensfragen eines bezahlten publizistischen Lohnarbeiters auseinander.

Die bei einem angestammten Bewohner des Elfenbeinturms zu erwartende Abneigung gegen die "schmähliche Verdienstschreiberei" verbindet sich da mit dem entschiedenen Willen, "auf einem gewissen Niveau" zu schreiben, "um nicht mir selber zum Ekel zu werden". Aber das Benjamin aufgenötigte Realitätsprinzip übt im ganzen einen keinswegs schädlichen Einfluß aus. Die "Wendung zum politischen Denken", gleichsam die "Erdung" dieses doctor subtilis einer gelegentlich allzu preziösen Gelehrsamkeit, die in der Regel der Begegnung mit Asja Lacis, Georg Lukács und Bertolt Brecht gutgeschrieben wird, geht auch von Benjamins zunehmender Gesellschafts-, seiner konkreten Medienerfahrung aus.

Benjamin zeigt sich politisch sogar im taktischen Sinn. Zum Beispiel geht ein sehr, sehr diplomatischer Brief 1930 überraschenderweise an einen Mann namens Carl Schmitt, dessen "staatsphilosophischer" Lehre von der "Souveränität" und der "Diktatur" Benjamin die "Bestätigung seiner kunstphilosophischen Forschungsweisen" entnimmt.

Das für eine kollegiale Rezension natürlich interessanteste politische Stück des Rundfunkautors Benjamin ist seine Reaktion auf die Stellungnahme seines Duzfreundes Ernst Schoen, seit 1924 Programmreferent beim Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt, zur Medienpolitik, wie sie ist und wie sie sein sollte.

Benjamin kommentiert knapp Schoens Vorstellungen zur Diagnose und Therapie des deutschen Rundfunks: "Bagatellisierung des Rundfunks; Versagen der liberalen Presse, die dabei mitmacht - einverstanden. Garnierung der entscheidenden Ministerialposten durch wilhelminische Bonzen - einverstanden. - Korruption in der Wechselbeziehung von Presse und Rundfunk. - Ebenfalls richtig. Politisierung des Rundfunks als Postulat. - Einverstanden. Pressedemagogie, die dem Publikum seine Dummheit als einen point d'honneur darstellt. - Einverstanden. Herrschaft des Vereinswesens über den Rundfunk. Das scheint mir ein ganz besonders wichtiger Punkt. Grade hier aber nennst Du nur den Mainzer Gesangsverein, das genügt nicht."

So ist es. Diesem Befund Benjamins ist auch heute nichts hinzuzufügen.