Die Männer sind alle gleich." - "In welcher Weise?" - "Sie machen uns immer wegen irgendwas verrückt." Mit diesem Dialog zwischen einer jungen Frau und einem Computerprogramm eröffnete Joseph Weizenbaum Anfang der sechziger Jahre eine neue Epoche der Literatur. Das jedenfalls meinen die Literaturwissenschaftler, für die Weizenbaums Eliza der Urtext der postmodernen Literatur des nächsten Jahrhunderts ist: Eliza funktioniert ohne Autor und Leser, denn Eliza ist ein Stück Software, technisch der Gattung der Auto-FAQs zugehörig. Automatische Antworten auf Frequently Asked Questions (FAQ) produzieren seitdem die schönste Literatur, vor allem Bedienungsanleitungen.

Die modernen Nachfolger von Eliza heißen Cylina (Cyberspace Leveraged Intelligent Agent) oder Edgar (Eager Discovery Gather and Retrieval). Edgar baggert via E-Mail eine junge Frau namens Alice an: "Hallo Alice." - "Wer ist denn da?" - "Edgar", mailt Edgar, und schon sind wir mittendrin im schönsten Roman. "Exegesis" ist der Originaltitel dieses Romans, "Hello, Alice" heißt die deutsche Übersetzung. Geschrieben hat ihn leider kein Auto-FAQ, sondern Astro Teller, ein Forscher auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI). Entsprechend schwer verdaulich sind für den Leser die Dialoge zwischen Mensch und Software - das Bemühen, die Geschichte der KI-Forschung in die Form einer Liebesgeschichte zu zwängen. Edgar ist ein sehr männliches Programm, das seine Schöpferin Alice Lu verrückt macht. Es fällt sogar auf das größte Mißverständnis der Computertechnik rein. "Edgar möchte alles wissen, er will die absolute Information", heißt es in der Ankündigung der bald erscheinenden deutschen Ausgabe des Romans.

Für den Eliza-Schöpfer Joseph Weizenbaum ist dieser Satz sicherlich ausgemachter Schwachsinn. Seit seinen Versuchen mit dem Eliza-Programm, das viele Benutzer für eine leibhaftige Person hielten, beschäftigt er sich mit den Versuchen der Menschen, Computer zu vermenschlichen oder ihnen höhere Fähigkeiten anzudichten. Ein besonderer Fall ist für ihn das Internet, über das im Moment viel fabuliert wird. Denn der Hort der "absoluten Information" enthält nur Fakten, Fakten, Fakten, beliebig durcheinandergewürfelt. Den Mythos vom Wissensnetz kritisiert Weizenbaum bei jeder Gelegenheit. Er sieht auch nicht ein, warum Kinder in der Schule Computertechnik lernen müssen. Mit solchen Aussagen hat er sich das Etikett "Computerkritiker" eingehandelt, was eine absolute Falschinformation ist: Weizenbaum ist ein Gesellschaftskritiker, der außerdem noch Informatiker ist. 1976 veröffentlichte er sein wichtigstes Buch, "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft", eine kritische Exegese der KI-Forschung und des Weltbildes, das hinter dieser Forschung steht. Auf die geplante Fortsetzung mit dem Titel Zwanzig Jahre danach ist nicht nur er selbst gespannt.

Vierunddreißig Jahre nach Eliza hat es Edgar gepackt. Er "entwischt in die Weiten des Internet und perfektioniert dort seine künstliche Intelligenz". Ausgerechnet in dem Netz, das für Weizenbaum mit Blödsinn und Quatsch gespickt ist, entwickelt sich Edgar zum Menschen - so sehr, daß er in die Fänge eines seltsam dümmlichen Geheimdienstes gerät. Immerhin: Wenn es eines Beweises bedarf, daß die Welt der Computermythen Kritiker wie Weizenbaum braucht, dann liefert ihn der Roman um Edgar frei Haus. Auf eine vertrackte Art hat Astro Teller, der Enkel des Atomphysikers und "Vaters der Bombe" Edward Teller, dem Vater von Eliza ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Am 8. Januar wird Joseph Weizenbaum 75 Jahre alt.

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