Isabelle Huppert trägt eine Perücke. Später trägt sie eine andere. Und eine dritte und vierte. Wer weiß, ob wir je ihr Naturhaar sehen. Aber wer geht schon ins Kino um der Wahrheit willen? Schließlich ist es dort am schönsten, wenn die Heldinnen und Helden auf der Leinwand nichts anderes tun als lügen und ihre falsche Identität immer nur gegen eine noch falschere eintauschen. "Das Leben ist ein Spiel" sei sein erster autobiographischer Film, sagt Claude Chabrol.

Was haben die unverschämt aufreizende Gaunerin Betty (Huppert) und ihr formvollendet höflicher Komplize Victor (Michel Serrault) mit Chabrol gemeinsam? Nun, zumindest die Kunst des Täuschens. Alle drei tun so als ob. Wenn Betty im knappen knallroten Kostüm zu Beginn einen schüchternen Vertreter anspricht, wenn Victor derweil in der Hotelbar ein Glas Whisky mit viel Wasser und wenig Whisky bestellt, sehen wir zwei Profis am Werk. Betty wird ihr Opfer (herrlich verlegen: Jackie Berroyer) ins Hotelzimmer locken und mit Schlaftropfen außer Gefecht setzen, damit Victor ihm eben so viele Franc aus der Brieftasche entwenden kann, daß der den Diebstahl aus Scham über seine Verführbarkeit gar nicht erst anzeigen wird.

Ein Film also wie das Filmemachen selbst: eine Intrige. Er handelt von Sein und Schein, von Rollenspiel und Trickbetrug, von Verführung und Hochstapelei und vor allem von diversen Methoden, ahnungslosen Leuten unauffällig Geld aus der Tasche zu ziehen. Nur die Steuer, meint Victor, sei raffinierter.

So reist das Gaunerpärchen mit dem Wohnmobil von Kongreß zu Kongreß, lungert in Spielcasinos und Hotellobbies herum, fälscht nach bewährter Methode Unterschriften und Pässe, wechselt Namen, Akzent und Marotten, futtert zum Frühstück einen Korb voll Croissants und fährt dann nach Hause, ins geschmackvolle Pariser Appartement, legt die Füße aufs Sofa und macht Kassensturz. Routine, nichts weiter.

Und so hätte Chabrols fünfzigster Film ein kleiner, gemeiner Gesellschaftskrimi werden können über die Maskeraden des Bürgertums, über geborgte Lebensstile und über ein verrücktes Kinopaar, von dem wir nie erfahren, ob es sich nun um eine Amour fou, eine zerrüttete Ehe, um Familienbande - Vater und Tochter - oder schlicht um Geschäftspartner handelt. Denn wie die Huppert mal naiv, mal zickig-frivol mit ihrem Image der Fragilität kokettiert, wie Serrault seine perfekten Manieren so unauffällig zur Schau stellt, daß die übrigen Gäste ihn immer für einen Hausangestellten halten, das ist schon ein Spaß. Und Chabrol, der Routinier, zeichnet die winzige Spur nach, um die seine Helden neben sich stehen und sich beim Spielen zuschauen.

Aber dann wollen die beiden hoch hinaus und Chabrol leider auch. Im mondänen Sils Maria schließt sich Betty dem Bonvivant Maurice (François Cluzet) an, der fünf Millionen Schweizer Franken auf die Geldwäscherinsel Guadeloupe schaffen soll. Zu den Klängen von Schönberg und Wagner kommen Eifersucht, ein Mafiaboß und seine Schlägertypen aufs Tapet; ein Geldkoffer wird mehrfach verwechselt, die Ereignisse überschlagen sich - und Chabrol übertreibt. Er stellt bloß, statt zu beobachten. Er wird albern und plump, statt im Hinterhalt zu lauern und sich nonchalant am Allzumenschlichen zu ergötzen. An der Unsitte der Schweizer, in Berggasthöfen Käsefondue zu essen. Am Vokalubar, mit dem der Kellner im Luxusrestaurant seine "prachtvollen Frösche" anpreist. Oder, wie zu Beginn, an der bigotten Verlegenheit des Gartengerätevertreters.

Wenn da nicht diese sekundenkurze Szene wäre, mit der Chabrol eine seelische Grausamkeit begeht. Plötzlich, ganz unvermittelt, sehen wir ein Auge, bekanntlich das verletzlichste Sinnesorgan, das von einen Grillspieß durchbohrt ist. Womöglich nur eine Hommage an den Kollegen Bu¤uel, aber fortan geht ein Riß durch die glatte Oberfläche der Bilder und ihre Konventionen, mit denen der Altmeister sein Publikum so gern hinters Licht führt. Wie gesagt, eine Sekunde nur, aber doch ein Augenblick der Wahrheit. Mit der Gewalt möchte Chabrol nicht kokettieren. Darin liegt seine Integrität.