In seinem Auto ist der Mensch nicht gern alleine. Und weil nicht immer ein Zweitmensch vorhanden ist, haben dingliche Personifikationen als Reisebegleiter eine lange Tradition. Die Ursprünge des Kults liegen im dunkeln, doch aus der Frühzeit läßt sich berichten, daß die heilige Maria und der heilige Christophorus sich großer Beliebtheit erfreuten. Auch Christus, gekreuzigt vom Rückspiegel baumelnd oder ans Armaturenbrett geklebt, war ein häufiger Beifahrer. Doch weil die Moderne auch vor dem Cockpit nicht haltmacht, wurden die Heiligen nach und nach durch Mickymäuse, Garfields und Gremlins ersetzt.

Von einer Profanierung kann hier nicht die Rede sein. Nur die Transzendenz des Kults hat sich neu verortet. Die imaginäre Existenz der Märchenfiguren ist vom Himmelreich nach Hollywood übergesiedelt. Filme sind der Kontext, aus dem die neuen Autobegleitfiguren ihre Bedeutung beziehen. Daher ist es nur logisch, daß jene Plüschtiere, deren Füße mit Saugnäpfen ausgestattet sind, nie an häuslichen Fenstern, sondern stets an den Seitenscheiben von Autos angebracht werden. Die seitliche Sicht aus dem rollenden Wagen entspricht am meisten jener filmischen Wahrnehmung vorbeiziehender Bilder, der das Kino-Fabeltier entstammt. Und weil der Fahrer sich tätig aufs Vorausblicken konzentrieren muß, übernimmt der kleine Kerl die kontemplativen Seitenblicke für ihn.

Doch nicht nur Wahrnehmungen macht der Plüsch-Saugfüßler anstelle des Fahrers, auch Affekte scheint er zu verspüren, die dem Fahrer ohne eine vermittelnde Begleitfigur nicht mehr oder nur noch unterschwellig zugänglich wären. Die unbändige Freude, mit der so ein Garfield oder Pink Panther permanent gegen die Scheibe antobt, gleicht einer Unbelehrbarkeit über die Natur von Glasscheiben, wie sie nur bei Tieren, Kleinkindern oder in Affektsituationen zu beobachten ist. Der Saugfüßler ist ein ganz wundervoll blödes Geschöpf, das ohne Unterlaß an die Scheibe springt, weil Fahren so vergnüglich ist. Während die Fahrfreude des Lenkers aufgrund ihrer alltäglichen Inflationierung nur noch gering ist, übernimmt das tote Plüschtier mit seiner eingefrorenen Pose des jauchzenden Gehüpfes den erstorbenen Affekt, um ihn lebendig zu halten.

Doch nur vermeintlich ist das Tierchen blöd, denn schlau ist seine Erfindung. Und ganz recht hat es damit, nicht davon ablassen zu wollen, die Fensterscheibe eines Autos als unsichtbare autokulturelle Brücke zwischen Subjekt und Objekt für ein Wunderding zu halten, das zur Freude Anlaß gibt. Weil das Saugfußtier sich freut über das, was es erblickt, wünscht es hinauszuspringen. Doch bei dem Versuch, sich das Wunschbild durch leibliche Verschmelzung mit diesem anzueignen, knallt es gegen die Scheibe. Die Zivilisationserfahrung, Wunsch und Realität, Bild und Körper unterscheiden lernen zu müssen, macht das Saugfußtier in jedem Moment neu. Beim Sprung gegen die Scheibe prallt es gegen die Mauern der Affektkontrolle. Das Auto wird dabei zum Käfig, zwischen dessen Gitterstäben das vom Menschen abgespaltene Naturwesen erscheint. Der Saugfüßler verweigert gestisch jenen Verzicht, den der Fahrer hat leisten müssen, um auf der Straße des Realitätsprinzips zu bleiben, den Käfig der Verkehrsregeln zu verinnerlichen und alle Abgetrenntheiten von seinen Wunschbildern zu akzeptieren.

Dabei übernimmt der Saugfüßler die unterschwelligen Affekte des Fahrers nicht nur, um diesen davon zu entlasten, er gibt sie ihm zugleich in Form der Personifikation zurück und animiert ihn zu kleindosiertem Bemerken infantiler Regungen. In der Szene des Gegendie-Scheibe-Springens symbolisiert sich somit ein Glückszustand der Autozivilisation: Die Scheibe verbindet und trennt zugleich, und das auf angenehme Art. Denn weder will man in totalem Schutz gefangen sein, noch ist es erträglich, in alle Wunschbilder gleich hineinzuspringen.

Der auto-nome Mensch bewegt sich gekonnt in einem Zwischenraum von Wunschbild und Realität, dessen Zwischen die Glasscheibe symbolisiert - besonders, wenn ein hüpfender Saugfüßler sich um die Darstellung einer geglückten Verbindung bemüht.

Aus diesem Grunde rät Dr. Pauser zum Kauf.