Von wegen: "Still und starr liegt der See". Getaut hat es. Eine dünne Schicht Wasser bedeckt das Eis in der Bucht von Kirkkonummi und macht es ungeheuer glatt und schlittrig. Schmierseife ist stumpf dagegen. Und das so früh im Jahr, Ende Februar.

Weit verteilt über den See, sitzen dunkle Gestalten zusammengekauert auf ihren Klappstühlen, fast bewegungslos unter einem diesigen Himmel. Nur manchmal steht jemand auf, greift sich den Hocker und den stählernen Bohrer, der neben ihm im Eis steckt, und wandert weiter. Zehn Schritte, fünfzehn, manchmal auch fünfzig, sechzig Meter. Dort setzt er den Bohrer an und dreht ihn senkrecht in den schimmernden Untergrund. Das Eis knirscht hell, ein Specht hämmert im nahen Wäldchen, gelegentlich kreischt eine Möwe. Sonst herrscht Stille.

Was tun diese Männer dort draußen? Und die vereinzelten Frauen dazwischen? Sie gehen dem Nationalsport ihres Landes nach. Sie angeln im Eis. Sie pilken.

Etwa sechzig Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind an diesem Samstag morgen zum Wettpilken des örtlichen Angelvereins gekommen. Sie haben fünfzig Finnmark Gebühr bezahlt und sich von zehn Uhr an auf der mit Ästen abgesteckten, etwa 300 Meter breiten und 900 Meter langen Fläche einen Platz gesucht. Nur Barsche zählen heute. Kleine Maränen, Zander oder Weißfische lassen sie für die Möwen liegen. Hechte gibt es jetzt nur wenige, Aalquappen fressen ohnehin erst abends.

"Keine Angst", sagt Heimo Palviainen. Der kleine, drahtige Holzfäller mit dem Dreitagebart und den kühnen Augen leitet seit fünfzehn Jahren den Verein. "Das Eis ist vierzig Zentimeter dick. Da passiert nichts - auch wenn wir früher um diese Zeit meistens zwischen sechzig und siebzig Zentimeter hatten." Selbst in Lappland, wo das Eis in manchen Wintern auf über einen Meter gefror, ist es weniger geworden. Die Klimaerwärmung?

Heimo ist an diesem Tag Organisator, Fremdenführer und Kontrolleur in einer Person. Er bummelt von Angler zu Angler, hält hier einen Schnack, sieht da ein bißchen zu oder läßt sich auch einfach nur sehen - ganz ohne Kontrolle geht es nicht. Vor Jahren hatte ein Teilnehmer seine Fische einfach zum Wettbewerb mitgebracht. 1400 Finnmark Strafe brummte ihm ein Richter auf. In Sachen Schnur und Haken verstehen die Finnen keinen Spaß, denn schließlich gibt es auch Preise zu gewinnen. Taschenlampen, Thermosflaschen und Stirnleuchten stapeln sich in Heimos Wagen, eine Axt, ein Toaster und ein Autostaubsauger. Und als Hauptpreis: eine elektrische Kühlbox fürs Auto.

Warum tun wir das? - Gelegentlich stellen die Finnen sich diese Frage selbst. "Angel und Leine", schreibt Asser Korhonen in Helsingin Sanomat, der größten Zeitung des Landes, "bilden eine Verbindung zur Unterwasserwelt. Sie sind das Werkzeug, mit dem man mit dem Unbekannten unter seinen Füßen kommuniziert. Das Sinnieren am Eisloch, das Nachdenken über Geheimnisse - das macht zum großen Teil den Reiz der Geschichte aus."