Da ein schriftlicher Befehl Hitlers zur "Endlösung" sich bis heute nicht hat auffinden lassen (vermutlich auch gar nicht existiert), haben die Historiker lange gerätselt, wann die Entscheidung zur Vernichtung der europäischen Juden in der Führungsspitze des "Dritten Reiches" gefallen sei.

Laut bisher vorherrschender Meinung mußte dies im Sommer 1941 geschehen sein, nach den ersten großen Siegen im "Ostkrieg". Andere Historiker, an ihrer Spitze Hans Mommsen, nahmen an, daß es überhaupt keine zentrale Entscheidung Hitlers gegeben, der Mord an den Juden sich vielmehr aus einem Prozeß der "kumulativen Radikalisierung" entwickelt habe.

Beide Versionen dürften nach den akribisch belegten Erkenntnissen des jungen Berliner Historikers Christian Gerlach nicht mehr haltbar sein. In einem Aufsatz in der Zeitschrift Werkstatt Geschichte (Heft 18/1997) weist er plausibel nach, daß es einer Grundsatzentscheidung Hitlers bedurfte, bevor die systematische Ermordung aller europäischer Juden beginnen konnte. Gerlach zeigt ferner, daß Hitler diese Entscheidung nicht etwa auf dem Höhepunkt seiner Siegeserwartungen fällte, sondern vielmehr in einer äußerst kritischen Phase seiner Herrschaft, am 12. Dezember 1941, also nach der Wende an der Ostfront und der Kriegserklärung an die USA.

Bereits vor einigen Jahren hatte der niederländische Historiker L. J. Hartog gefordert, Hitlers Drohung vor dem Reichstag am 30. Januar 1939, ein neuer Weltkrieg werde "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" zur Folge haben, als echte Absichtserklärung ernst zu nehmen (siehe ZEIT Nr. 5/1989).

Gerlach führt, gestützt auch auf neue Quellen, diesen Ansatz fort. Als ein Schlüsseldokument dient ihm eine Tagebuchnotiz von Joseph Goebbels, die festhielt, was Hitler am 12. Dezember 1941 in den Privatgemächern der Reichskanzlei den versammelten Reichs- und Gauleitern eröffnete: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, daß, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muß die notwendige Folge sein."

Wenige Tage später, am 18. Dezember, bekräftigte Hitler in einer Unterredung mit Heinrich Himmler in der Wolfsschanze seine Entscheidung noch einmal. "Judenfrage, / als Partisanen auszurotten", notierte Himmler in seinen Terminkalender, der demnächst ediert wird.

Erst Hitlers Grundsatzentscheidung gab den Experten der Vernichtung im Reichssicherheitshauptamt die Sicherheit, endlich das zu planen und durchzuführen, was vielerorts bereits begonnen worden war.