Der englische Zoologe und Evolutionsforscher Richard Dawkins gefällt sich in der Rolle des bad boy. Stilisiert sich gerne als Freund der unbequemen Tatsachen: Wir hätten es zwar lieber, wenn es etwas freundlicher in der Natur zuginge, aber so liegen die Dinge nun einmal nicht. "Natur, Zähne und Klauen blutigrot". Schon die Buchtitel des Bestsellerautors verraten dies: "Das egoistische Gen", "Der blinde Uhrmacher". Und wenn er ein Buch mit dem poetisch-biblischen Titel "Und es entsprang ein Fluß in Eden ..." schreibt, so wird man beim Aufblättern schnell belehrt: Es ist ein "digitaler Fluß", ein Fluß aus Information, der mittels der Gene durch die Organismen fließt.

Der Informationsfluß auf der CD-ROM verläuft ein wenig anders. Am Anfang war das Arbeitszimmer von Richard Dawkins. Gediegen englisch (Oxford!), Bücher an den Wänden, Stuck an der Decke, einige feine Risse. Das Ticken einer Uhr. In einer Ecke steht ein menschliches Skelett, in einer anderen ein verkleinertes Dinosauriermodell. Nach kurzer Zeit taucht Dawkins wie der Geist aus der Flasche aus dem Kamin hervor und fängt an, über die Evolution und die Lösung ihres Rätsels durch Darwin zu plaudern. Doch wir können uns auch in seinem Arbeitszimmer umsehen. Zum Beispiel erregt ein Photokopierer unsere Aufmerksamkeit, denn er rattert leise vor sich hin, ganz im Kontrast zu der kontemplativen Atmosphäre. Nach Anklicken der Kopiertaste wird der Kopiervorgang gestartet, mit Lichtblitz und so weiter, und dann, o Wunder, ist ein neuer Kopierer im Hintergrund aufgetaucht; beim nächsten Kopiervorgang ein weiterer. Der Kopierer fertigt Kopien seiner selbst an. Aha! "Im Grunde kennt das Leben nur einen Befehl: Kopiere dich selbst!"

Diese Vervielfältigung übernehmen in der Evolution die Gene (oder die DNA), hier Selbstreplikatoren genannt. Zwar sind nicht alle Grundgedanken von Dawkins ähnlich einprägsam visualisiert, aber es gibt doch einige schöne Umsetzungen ins elektronische Medium. In der Regel bekommen wir unsere Informationen in einer Mischung aus buntem Text, Bild, Ton, manchmal auch Video, mit verschiedenen Verzweigungsmöglichkeiten. Das meiste davon anhand ausgestellter Objekte in einem Museum der Evolution, in das wir aus dem Arbeitszimmer von Dawkins gelangen: offene Weite, stilisierter Raum, postmoderne Fossilkonstruktion. An einigen instruktiven Spielen sind wir (inter)aktiver beteiligt: Beispielsweise sollen wir in einem Blätterwald mit dem Auge des Jägers Insekten ausmachen, die durch Mimikry geschützt sind. So bestätigen wir, daß ihre Überlebenswahrscheinlichkeit um so geringer ist, je auffälliger sie sind. Auch gibt es eine ganz schlichte, aber eindrucksvolle Simulation zur Evolution des Auges. Damit wischt Dawkins den Evolutionsgegnern eins aus, die bekanntlich die Entwicklung des Sehorgans nach Darwins Prinzipien für unmöglich halten. Richard Dawkins greift hier zurück auf eine Computersimulation, in der einige Zellschichten, die unterste davon lichtempfindlich, die oberste durchsichtig, sich durch Zufallsmutationen weiterentwickeln, die zu örtlichen Veränderungen des Brechungsindex in der durchsichtigen Schicht führen. Nach einiger Zeit entstehen eine Einstülpung und eine Linse, "ein relativ schlechtes, aber immerhin ein Auge". Die Entwicklung des Auges können wir mit einem Schieberegler nachvollziehen und dabei in einem kleinen Projektionsfeld verfolgen, was "es" sieht.

Die Orientierung in der anfangs etwas labyrinthisch anmutenden Anlage und das Auskundschaften von Interaktionsmöglichkeiten haben etwas Spielerisches. Zuletzt oder zwischendurch kann man das erworbene Wissen in einem Quiz mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen überprüfen. Die Aufgaben sind keineswegs trivial - man muß schon eine Weile im CD-ROM-Evolutionsmuseum herumgepilgert sein, bevor man alle Fragen richtig beantworten kann. Von den Höckern der Kamele über die Dämme der Biber bis zu den Chromosomen in einer menschlichen Eizelle.

Die CD-ROM als Präsentationsform der Evolutionstheorie kommt dem Gestus von Dawkins entgegen, der auch seine Bücher erklärtermaßen für das breitere Publikum schreibt. In der dazu erforderlichen kreativen Handhabung der Sprache, der Verwendung aufschlußreicher Beispiele und bildhafter Vergleiche sieht er die Chance zu einem eigenständigen schöpferischen Beitrag zur Wissenschaft. Einen solchen in seiner CD-ROM zu sehen, wäre ein wenig übertrieben, aber sie ist allemal gut und interessant gemacht. Man mag zu Dawkins' "Ultradarwinismus" stehen, wie man will - ein provokanter und pointierter Denker wie er ist gewiß geeignet, eine Einführung in die Gedanken Darwins und die Evolutionsgeschichte zu geben.

Evolution Die faszinierende Geschichte des Lebens; CD-ROM für PC/Windows und Macintosh; Navigo Multimedia; 79,90 DM