Es gibt keine Parteien mehr, in denen liberal Gesinnte sich zu Hause fühlen können. Aber womöglich gibt es noch so etwas wie eine liberale Haltung zu den großen Fragen der Zeit? An solchen Fragen ist ja kein Mangel:

Wo liegen für die Menschen in den alten Industrieländern Quellen der Hoffnung angesichts der Herausforderungen weltweiter Märkte? Wie wird sich die Arbeitswelt zurechtschütteln nach den Erfahrungen von Arbeitslosigkeit und neuer Armut? Läßt sich ein zugleich effizienter und erschwinglicher Sozialstaat denken und schaffen?

Wie kommen wir den Tendenzen der Anomie bei, die Recht und Ordnung gefährden, indem sie den sozialen Zusammenhalt auflösen?

Wo beginnen wir, weltweite Institutionen zu schaffen, die den globalen Produktivkräften der Wirtschaft einen verbindlichen Rahmen geben? Sind solche Institutionen auch geeignet, die Risiken für das Überleben der Menschheit einzudämmen?

Das sind nun keine politisch handhabbaren Fragen, wenngleich sie hinter allen aktuellen Themen stehen. Beispiel Arbeitslosigkeit. Da gibt es allerlei Rezepte. Etwa das Wirtschaftswachstum, das - noch dazu Euro-gefördert Beschäftigung schaffen soll. Oder die Keynessche Erfindung der öffentlich geförderten Stärkung der Nachfrage. Oder das "angelsächsische" Verfahren der Flexibilität nach unten, also sinkende Reallöhne und steigende Unsicherheit der Arbeitsplätze. Liest man den wichtigen Bericht der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (unter Vorsitz von Meinhard Miegel), dann sieht man bald, daß keines dieser Rezepte viel kuriert. Jobless growth, also Wachstum, das keine Arbeitsplätze schafft, ist eine Realität in allen alten Industrieländern. Nachfragemanagement müßte schon weltweit betrieben werden, um Wachstum zu stimulieren. Der Preis der angelsächsischen Flexibilität sind die working poor, ist die neue Armut der Beschäftigten.

Das heißt nicht, daß derlei Maßnahmen unversucht bleiben dürfen; nur darf man sich nicht zuviel von ihnen versprechen. Die Miegel-Kommission beschreitet jedenfalls viel radikalere Wege. Sie schlägt den Abschied von der "arbeitnehmerzentrierten Industriegesellschaft" zugunsten der "unternehmerischen Wissensgesellschaft" vor. Gewiß wird es für viele noch lange die alten Arbeitsplätze geben; aber ebenso viele müssen sich auf andere Weise durchschlagen, nämlich durch Eigentätigkeit einschließlich der Eigenbeiträge zur Versorgung im Notfall. Nicht der Arbeitnehmer, sondern der Unternehmer, der oder die Selbständige bildet das Leitbild der Zukunft. Illusion? Utopie?

Die Miegel-Kommission macht viele Vorschläge, die realistischer erscheinen als traditionelle "Lösungen". Solche Vorschläge haben Folgen vor allem für die Zukunft des Sozialstaates. Dessen Reform steht in jedem Programm weit vorn. Manche wollen ihn vor allem reduzieren, um den Staat schlanker zu machen. Sie argumentieren mit der Globalisierung, oder auch mit Maastricht; aber sie dürfen sich nicht wundern, wenn es ihnen schwerfällt, Wähler zu überzeugen. Verzicht an sich ist noch kein Programm. Die Beschränkung auf marginale Korrekturen ist es auch nicht. Die Leute spüren, daß das nicht reicht.