Schön war's. Auch eine gute Portion Jahrmarkt dabei. Und hörte überhaupt nicht wieder auf. Kunst galore. Ein Superlativ wurde vom nächsten versenkt. Und so eskalierte das globale Kunstgeschehen vom Februar 1997, der Eröffnung des neuen Baus für die Hamburger Kunsthalle, bis zum Dezember, als in Los Angeles die große Kunstburg namens Getty Center eröffnet wurde. Zwischendurch documenta und Biennale, ein neues Quartier für die Kestner Gesellschaft in Hannover und ein eigenes Museum für den Galeristen Beyeler in Basel, die Eröffnung des Medienmuseums in Karlsruhe und die exzentrische Heiterkeit von Frank O. Gehrys Guggenheim Museum in Bilbao. Tusch! Da capo!

Schön wär's. Wirklich? Neue Häuser, neue Partner und rauschende Flitterwochen für die Kunst kann es gar nicht genug geben. Finden zumindest Kritiker und Künstler. Auch Sammler und Immobilienhändler, Museumsdirektoren und Landesväter, Industriechefs und Kulturdezernenten, die sich zu erstaunlichen Allianzen zusammenfinden. Im Namen der Kunst, vor allem der zeitgenössischen, der teuren. Also muß es nicht nur weitergehen, sondern mehr werden. Mehrwert, natürlich. Fragt sich nur, wie's dann weitergeht nach dem Weitergehen. Nach den Vernissagen, dem Schulterklopfen. Aber das fragt sich keiner, denn die Antwort wäre mühselig und glanzlos. Vor allem kein Politiker, der aber, anders als der Immobilienhändler, dazu verpflichtet wäre, sich jedoch von Ländle zum Land oder von der Kreisstadt zur Hauptstadt profilieren möchte. Vom Standortvorteil würde der Staatsdiener wahrscheinlich reden, und der ist ihm soviel wert wie dem Grafen Almaviva das Jus primae noctis. Vom Standpunkt zum Standort zur Schieflage.

Da ist zum Beispiel die Stadt Düsseldorf, die auf dem Gelände des früheren Kunstpalasts am Ehrenhof zusammen mit dem Veba-Konzern ein neues Kunstzentrum schaffen will. Hatte man nicht erst 1996 beschlossen, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen den Prunkbau des ehemaligen Landtags zuzuschlagen, das Haus für 96 Millionen Mark umzubauen für Kunstzwecke? Abgesehen einmal von der ambivalenten neuen "Private-Public Partnership": Wer eigentlich wird für die Folgekosten dieser Mehrfachexpansion aufkommen, das heißt die Aufsichtskräfte, Techniker und Kunsthistoriker bezahlen, die nötig werden? Da ist zum Beispiel die Landeshauptstadt Stuttgart, die sich, obwohl mit einem Sterling-Bau für die Kunst ausgestattet und dem neuen Medienmuseum im nahen Karlsruhe nolens volens landsmannschaftlich verbunden, nun im Schloß einen "schwäbischen Louvre" installieren möchte. Abgesehen einmal von der Komik der bekannten schwäbischen Bildungsbesserwisserei: Kommt in der Kalkulation dieses Regionalwahns irgendwo auch der Posten Personal vor?

Es gibt immer mehr Kunst und Kunst-Häuser, so ein paar zweistellige Millionenbeträge wird man ja wohl noch zusammenbekommen. Aber immer weniger Kunsthistoriker werden eingestellt, immer öfter langt das Geld gerade für Teilzeitkräfte, müssen Museen einzelne Räume schließen oder, was weniger sichtbar, aber noch verheerender ist, die kunsthistorische Bearbeitung einzelner Sachgebiete vertagen.

Den frohen Festen der Kunst Häuser zu bauen und Räume zu schaffen ist nicht ohne Verdienst. Aber wer nicht gleichzeitig auch für die sauren Wochen des Alltags Vorsorge trifft, handelt ohne Verantwortung. Oben hui und unten pfui, sagten früher die Lehrer.