Das Lob kam von ungewohnter Seite und schmeckte den Gewerkschaften doch reichlich bitter. Die überwiegend konservativen "Fünf Weisen" des Sachverständigenrates honorierten in ihrem Jahresgutachten die "großen Anstrengungen" der Tarifparteien, die "wesentliche Voraussetzungen für mehr Beschäftigung" geschaffen hätten. Selbst die spröde Bundesbank freute sich über "ermutigende Anzeichen" in der Lohnpolitik, und auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt fand im Dezember über die Tarifpolitik warme Worte: "Das ist vernünftig, das ist moderat, liegt ganz deutlich unterhalb des Produktivitätszuwachses, und das ist beschäftigungsfördernd." An der Tarifpolitik sollten sich die Politiker ein Beispiel nehmen und ähnlich viel für "Wachstum und Beschäftigung" tun.

Alle merken, daß die Lohnpolitik der vergangenen Jahre die richtige Antwort auf die Arbeitslosigkeit ist - nur die Arbeitslosen nicht. Seit 1993 sind die realen Nettoverdienste um 2,7 Prozent gesunken, die Wirtschaft wächst seit vier Jahren kontinuierlich, die Unternehmensgewinne steigen - und doch sind mehr Menschen ohne Job denn je. 4,5 Millionen werden es im Jahresdurchschnitt 1998 sein, glaubt Herbert Hax, Vorsitzender des Sachverständigenrates. Geld oder Arbeit: Es scheint, als sei diese Alternative, mit der für den Lohnverzicht geworben wurde, ein leeres Versprechen.

Kein Wunder, daß Frust und Zweifel wachsen: Waren die Opfer vergebens? Sind die Arbeitnehmer nur einer raffinierten Kampagne des Kapitals aufgesessen? Oder ist womöglich die altmodische Kaufkrafttheorie so falsch doch nicht, nach der vor allem hohe Einkommen, über den Umweg eines munteren Konsums, für neue Jobs sorgen? Dürfen die Löhne also wieder kräftig steigen - müssen sie es sogar, wenn die Jobkrise gemeistert werden soll?

Als erster meldete sich IG-Metall-Chef Klaus Zwickel zu Wort: Bereits im Herbst verkündete er das "Ende der Bescheidenheit", die Unternehmen müßten sich auf kräftige Lohnforderungen gefaßt machen. Theaterdonner, mochte man abwinken, denn in der Metall- und Elektroindustrie gibt es bis auf weiteres nichts zu verhandeln.

Nun aber hauen auch gemäßigte Gewerkschafter, verhalten zwar, in die gleiche Kerbe. Die "Schmerzgrenze der Arbeitnehmer" sei erreicht, ihre "Leidensfähigkeit am Ende", mahnt DGB-Chef Dieter Schulte. Entstünden nicht alsbald neue Jobs, würden die Gewerkschaften "eine andere Gangart einlegen". Vor allem "mehr Geld" will auch Hubertus Schmoldt, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), für seine Leute herausholen. Und ÖTV-Chef Herbert Mai, der sein Konzept einer beschäftigungssichernden Tarifpolitik bei der eigenen Basis nicht durchsetzen konnte, droht nun öffentlich mit Streik, um die Lohnforderung von 4,5 Prozent durchzupauken.

Prompt reagiert mancher, als stünden die Hunnen an den Standortgrenzen. "Katastrophale Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland und die Schaffung neuer Arbeitsplätze" sieht etwa Arbeitgeberpräsident Hundt, die "sich abzeichnende Trendwende auf dem Arbeitsmarkt" sei in Gefahr. Doch die Aufregung ist verfrüht. Mit ihren Parolen bedienen die Gewerkschaftsführer zunächst einmal die eigene Basis. "Die Leute wollen es so", sagt Rolf Fritsch, Hamburger Bezirksvorsitzender der ÖTV und einer der wenigen Anhänger der alten Mai-Linie. Die Funktionäre der Industriegewerkschaften stehen unter dem Druck der Basis in jenen Betrieben, in denen die Gewinne reichlich sprudeln, ob im Mittelstand oder in Großunternehmen. Eine Wende in der Tarifpolitik ist das aber noch lange nicht.

Denn die mageren Abschlüsse der vergangenen Jahre waren weniger Ausdruck von Bescheidenheit als der Machtverhältnisse. "Wir konnten einfach nicht mehr durchsetzen", räumt ein führender Metaller ein. Stehen die eigenen Jobs auf der Kippe, läßt sich die Basis für kraftvolle Arbeitskämpfe nicht recht mobilisieren. Das mag in den profitablen Unternehmen heute zwar etwas anders sein, doch die Fußkranken der jeweiligen Branchen, und davon gibt es noch reichlich genug, werden allzu große Lohnsteigerungen zu verhindern suchen.