Lesen bildet. So konnte man jüngst im Abstand von zehn Tagen zwei bemerkenswerte Interviews lesen. In dem einen erklärte der einst einflußreiche Kulturfunktionär Hermann Kant, sturen Trotz offensichtlich mit Charakterfestigkeit verwechselnd, seine Befindlichkeit gegenüber Machthabern, die ihre Untertanen drangsalierten, einsperrten, auch schon mal erschießen ließen: "Ich sah jedoch nicht in den Mächtigen mir entgegengesetzte Leute. Das konnte nicht einmal bei Ulbricht der Fall sein. Bei Honecker schon gar nicht. Das waren für mich keine mir entgegengesetzten Leute." In dem anderen Gespräch gab die rumänendeutsche Schriftstellerin Herta Müller ihrer Trauer und ihrem nicht verwundenen Schock Ausdruck bei der Erinnerung an diktatorische Willkür und Menschenknechtung; sie summiert, so nachdenklich wie eindringlich, ihre historische Erfahrung: "Wir sollten uns vor den Renegaten verneigen. Renegaten sind größtenteils Menschen, die früher als andere erkennen, in welche Abgründe eine Idee, eine Lehre oder eine Politik führt, und aus dieser Erkenntnis ihre Konsequenzen ziehen." Das - von Heinrich Heine über Karl Kautsky bis Manés Sperber - ist eine einsehbare Spur, die die Literatur gelegt hat; durch Schriftsteller, die lange Zeit ihres Lebens kujoniert worden waren. Etwa durch Zensur.

Da trifft es sich gut, daß soeben ein Buch publiziert wird, das die so banal-lächerlichen wie rigide-militanten Zensurmaßnahmen jener Potentaten dokumentiert, die Hermann Kant als "für mich keine mir entgegensetzten Leute" empfand: Simone Barck, Martina Langermann, Siegfried Lokatis: "Jedes Buch ein Abenteuer - Zensur-System und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre"; Akademie Verlag, Berlin 1998; 453 Seiten, 78,Mark. Fürwahr ein kulturpolitischer Krimi, falls man ein Gespür hat für das Spannende dieses Agentennetzes (mit wechselndem Namen und wechselnd-konkurrierender Kompetenz), das sämtliche Druckwaren der DDR umspannte, von der Visitenkarte über den Blümchenkalender bis zu Roman und Essay.

Die paternalistischen Volksbeglücker waren ja nicht nur komisch, wenn sie "Dörrenmatt" und "Joice", "Kaffka" und "Mussil" inkriminierten; und nicht nur grotesk, wenn ein Kinderbuch "Tito, die Geschichte einer Präriewölfin" daran scheiterte, daß der Herr Kurt Hager "fürchtet, der Leser würde den Titel allegorisch mit dem Banditen Tito in Verbindung bringen". Es ist das Auge des großen Bruders, das dräut und Strafe, Verbot oder "Maßnahmen" ankündigt: "Wie dieses aus schlechtester Wild-West-Romantik, Schiesser-Kultur und Steppen-Mystik in eindeutiger Kitschmanier zusammengebaute Machwerk Ihr Lektorat passieren und zu uns gelangen konnte, ist uns unverständlich" "Do¤a Barbara" von Rómulo Gallegos blieb verboten; wie Walter von Molos Schillertrilogie wegen "typisch preußischer Färbung", Valérys Gedichte wegen "existentialistischem Individualismus", Koeppens "Tod in Rom" wegen "Verherrlichung des Päderastentums" oder Sartres "Kindheit eines Chefs", das der heute auf so widerliche Weise harmlos tuende Kurt Hager als "ins Pornographische abgleitend" abqualifizierte. Irgendwelche zumeist anonyme Literatur-Kapos fällten ihre "Darf keinesfalls erscheinen"-Urteile, mal über Ulrich Bechers "Nachtigall will zum Vater fliegen" wegen "mißverständlicher freudianischer existentialistischer Haltung", mal über Faulkners "Eine Legende", weil "mystisch, pazifistisch, unter dem Gesichtspunkt der Erziehung der Leser ohne jeden Wert". Papa Zensor erzieht, und ein ganzes Volk ist ein dummes Kind, dem man den Brei ein- und zuteilt.

Mir liegt, unheitere Ergänzung zu dem Buch, ein ganzes bisher unpubliziertes Dossier vor, das sorgfältig dokumentiert, wie die (in diesem Fall: meine) Bemühungen, Kurt Tucholsky in der DDR zu verlegen, mit Argusaugen beobachtet und behindert wurden. Da schwingt sich ein Unbekannter namens Arno Hausmann zu glorioser Analyse auf: "Tucholskys Unfähigkeit, in die Tiefe der Erscheinungen zu dringen, sind erkennbar in seinen anarchistischen Äußerungen über den Staat, in der Verkennung der Rolle der Nation, der Verkennung der Ursachen des Krieges etc. und daraus resultierender Unklarheiten über die politische Zielsetzung der Arbeiterklasse."

Lesen bildet? Nicht immer. Nicht jeden.