Alle schlagen auf Italien ein, Bundesinnenminister Kanther und Außenminister Kinkel, die bayerische CSU ebenso wie Niedersachsens SPD-Innenminister Glogowski. Statt Prügel verdient Italien Lob. Es hält sich trotz aller Pressionen an das Völkerrecht und die Gebote der Humanität.

An Apuliens Küste stranden nicht, wie eilige Kommentare suggerieren, "illegale Einwanderer", die man am besten stehenden Fußes in die Türkei zurückschicken sollte. Hier kommen Menschen, die vor dem Krieg, der Unterdrückung und dem Elend in Kurdistan geflohen sind. Sie haben ein Recht darauf, daß sorgfältig geprüft wird, ob ihnen Asyl oder Schutz gewährt werden muß. Daß Verbrecherbanden an ihnen Millionen verdienen, macht die Flüchtlinge nicht zu Kriminellen. Auf legalem Weg können sie heute in Europa kaum noch sicheres Gestade erreichen. Denn die Alte Welt hat dichtgemacht.

Italien verdient noch mehr Lob: Ganz im Sinne der europäischen Idee ordnet es eigene Belange dem Wohl der Gemeinschaft unter. Erst zwei Monate Mitglied des Schengener Vertrags, erklärt sich die Regierung in Rom ohne Zögern bereit, bei der Kontrolle seiner Außengrenzen wachsamer zu sein und die eigenen Asylgesetze im Interesse seiner Nachbarn zu ändern. Zu Recht befürchten nämlich Deutschland, die Niederlande oder Frankreich, kurdische Flüchtlinge könnten erst in Italien untertauchen und dann ungehindert zu ihren Verwandten nach Berlin, Paris oder Amsterdam reisen: Im Inneren von Schengenland gibt es keine Grenzkontrollen mehr.

Italien fühlt sich der europäischen Sache verpflichtet. Dächte das Land nur an sich, wäre es einfacher, die Hände in den Schoß zu legen und die Kurden dorthin ziehen zu lassen, wohin sie eigentlich streben: nach Deutschland. Doch solch eigensüchtige Politik wäre ebenso kurzsichtig wie die Forderung einiger deutscher Politiker, den Vertrag von Schengen nun auszusetzen und die Schlagbäume wieder herunterzulassen.

Der Exodus der Kurden über das Mittelmeer bestätigt die europäische Einsicht: Wenn überhaupt, lassen sich die Folgen von Krieg, Terror, Elend und Flucht nur gemeinsam in den Griff bekommen. Kein Nationalstaat kann die Probleme alleine meistern, das hat gerade Deutschland nach dem Fall der Mauer und dem Krieg auf dem Balkan erfahren. Der deutsche Asylkompromiß von 1993, der die Zahl der Asylbewerber drastisch reduzierte, setzt auf die Mithilfe der Europäischen Union, Polens, Tschechiens und anderer osteuropäischer Staaten. Ohne ihre Unterstützung wäre das Gesetz Makulatur. Zu Schengen und Maastricht, zur Gemeinschaft Europas gibt es keine Alternative. Das wissen auch Manfred Kanther und die Bundesregierung.

Genauso sollte und wird das geeinte Europa aussehen: keine bloße Versammlung von Bankern und Kaufleuten also, die ihr Vermögen mehren wollen, sondern ein lebendiger Verein, der engagiert für gemeinsame wirtschaftliche, soziale und politische Belange streitet. Was jetzt in Italien geschieht, belegt diese Entwicklung. Der Zwang zum Miteinander wächst: Heute fliehen Kurden nach Westeuropa, morgen sind es vielleicht Algerier.

An einer gemeinsamen Außen- und Innenpolitik, so kompliziert sie ist, führt kein Weg vorbei. Dabei geht es auch um eine Verständigung über die schwierige Frage: Wie viele Menschen sollen künftig nach Europa kommen dürfen? Und wer? Wie könnte eine europäische Einwanderungspolitik aussehen, am Ende dieses Jahrhunderts der Flüchtlinge?