ARD, sonntags: "Sabine Christiansen live"

Sie sollte die Lösung eines wirklich kniffligen Problems sein: Wie kriegt man Quote, wenn man heldenhaft am öffentlich-rechtlichen Qualitätsstandard festhalten, die grundsolide Infowerkstatt also keinesfalls dem Boulevard opfern will, dabei aber zu kleinen Zugeständnissen an des Fernsehzuschauers Vergnügungssucht durchaus bereit ist? Wie kriegt man Quote gegen Erich Böhme, nach Friedrich Küppersbusch und vor der grausen Zukunft mit 500 Kanälen? Man nehme eine Frau, die dem Publikum als News-Lady vertraut, ihrer Seriosität und ihrer melancholischen Augen wegen ans Herz gewachsen ist - und lasse sie mal lächeln. Nebenher wird sie moderieren: Gäste vorstellen, Einspielfilme kommentieren und kompetente Fragen an Spitzenpolitiker richten. Sabine Christiansen wird das schon stemmen.

Erich Böhme hat, wenn er denn die Konkurrenz seines "Talks im Turm" bei der Berliner Premiere verfolgte, wahrscheinlich vergnügt mit seiner Brille gespielt. Von dieser Seite droht ihm keine Gefahr. Wer den "Turm" gern sieht, muß sich bei der Christiansen gelangweilt haben. Von wegen, es gäbe auch bei ihr nur "ein Thema" - und dann auch noch "ihr Thema der Woche"! Es gibt einen Rahmen, der weit genug ist, um jeden Inhalt zuzulassen. Diesmal hieß er "Wechselfieber", worunter vom Euro über die Fußball-WM bis zur Bundestagswahl sämtliche Megaereignisse des neuen Jahres assoziativ zu fassen waren. So sprang der Takt vom Standort Deutschland zur Milchstraße, von da nach Kairo, Jamaika, Persien, Luxemburg und Hannoversch Münden, und der Zuschauer, trotz guten Willens bald schwindlig, wurde mit der Aufgabe allein gelassen, zwischen Hans-Olaf Henkel, Udo Lattek, Jungunternehmer Riedlbauer und Daniel Barenboim ein plausibles thematisches Beziehungsnetz zu knüpfen. Zwischendrin stand in adrettem Anthrazit die coole Miß Tagesthemen und kämpfte gegen die Uhr. Am Ende hatte das "Wechselfieber" die Sendung selbst angesteckt und umgebracht.

Es ist so einfach: Eine Talk-Show braucht ein Thema und Leute, die es entwickeln. Dabei wird die Show erfahrungsgemäß um so besser, je mehr ihre Macher sich als Meister der Beschränkung erweisen - das gilt für das Thema ebenso wie für die Zahl der Gäste. Einspielfilme, Kabarett, Themenvielfalt verhindern Konzentration, ohne die es keine Kontroverse und keine Spannung gibt. Bei "Sabine Christiansen" fehlten beide. Ihre Gäste - Schäuble, Simonis und andere - behandelten einander wie rohe Eier: Sie fanden über die Parteigrenzen hinweg zu einer einschläfernden Konzilianz, und das war kein Zufall. Zeitnot macht die Leute zahm. In fünf Minuten und bei immer neuen Gästen kann man keinen Dissens entfachen, man muß sich auf Statements beschränken: "Der Euro kommt", "Reformen dauern lange", die in ihrer doofen Allgemeinheit jeder kauft. So wurde die Überfülle an Material auch hier wieder zum TVtypischen Verhängnis: Mehr als ein Kessel Buntes, in dem die Christiansen mit der ihr eigenen sanften Unerschütterlichkeit rührte, ist nicht draus geworden. Aber es war die allererste Folge. Man muß der Frau und dem Format noch eine Chance geben. Konzepte lassen sich ändern.