Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. In diesem Satz formuliert der Volksmund die Einsicht, daß irgendwann einmal jede den Zeitgenossen inzwischen zur Last gewordene Gewohnheit ihr Ende findet. Wenn der Volksmund wirklich recht hat - und wer wollte ihm widersprechen? -, dann müßte im Wahljahr 1998 Helmut Kohls Kanzlerschaft zu Ende gehen.

Gustav Radbruch, einer der großen Justizminister der Weimarer Republik, hat einmal gesagt, Regieren bedeute notwendigerweise, Stimmen zu verlieren. Helmut Kohl regiert schon sehr lange, seit 1982. Und in der Tat verlieren er und die CDU schon seit langem, von Anfang an, seit der vorzeitigen Bundestagswahl 1983, von Wahl zu Wahl Stimmen - zumindest im Dauervergleich der alten Bundesländer. So knapp wie 1994 war die Bundestagsmehrheit für die konservativ-liberale Koalition noch nie; und hätte es nicht so viele Überhangmandate gegeben, wäre sie noch magerer ausgefallen. Regieren heißt, Stimmen zu verlieren. Lange zu regieren heißt, die Stimmen langsamer zu verlieren. Langsam, aber sicher.

Ließe sich Politik auf ähnliche Weise vorhersagen, wie es die Anlageprofis mit ihren Charts, ihren Tabellen und Graphiken tun, indem sie Trends aufspüren und verlängern, dann müßte der konstante Trend des Stimmenverlustes der Union, müßte die langsam und stetig absteigende Linie auf der politischen Überlebensgraphik der CDU/CSU irgendwann unter den Meridian der Regierungsfähigkeit sinken. Irgendwann? Jetzt - bei der bevorstehenden Bundestagswahl! Alles andere wäre ein Spott auf die Möglichkeiten der politischen Analyse und Prognose. Doch schon viele Spekulanten haben sich verrechnet.

Wann, wenn nicht dieses Mal? Es ist nichts zu sehen, womit die Regierung noch einmal etwas herumreißen könnte - die früheren Kanzlerkandidaten der SPD waren auch nicht schlechter. Die Zahl der Arbeitslosen bis zum Jahre 2000 halbieren? - Helmut Kohl wird noch oft genug an sein illusionäres Versprechen erinnert werden. Blühende Landschaften im Osten Deutschlands? Nicht einmal zum 10. Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2000. Ein Bundeshaushalt ohne Milliardenloch? Ein Loch, sagt Tucholsky, ist da, wo nichts ist.

Der Krug geht also zu Wasser, bis er bricht. Und diesmal werden wir sagen können, wir seien dabeigewesen und hätten gehört, wie die Scherben klirrten.

Wer so denkt, mit all seinen politischen Charts auf dem Tisch, verkennt allerdings gründlich die politische Situation des Wahljahres 1998 und den epochalen Einschnitt, den die Entscheidung über den Euro bedeuten wird. Der Euro kommt - und wenn er beschlossene Sache ist, werden wir in einer völlig anderen Welt leben. Beschlossen wird aber der Eintritt in die dritte Stufe der Europäischen Währungsunion im Mai 1998. Dieses Datum hat eine strategische und eine taktische Bedeutung.

Die taktische Bedeutung: Das Thema Euro wird bis zum Bundestagswahlkampf 1998 bereits neutralisiert sein. Einen Wahlkampf gegen den Euro gibt es dann nicht mehr zu führen; es wird nur noch um Methoden und Schritte zur praktischen Einführung gehen. Und noch eines: Auch vorher läßt sich die politische Ausgangslage nicht wirklich polarisieren, weil alle anderen politischen Themen im Schatten der großen europäischen Entscheidung bleiben.