UDINE. - Die Angst vor den Kurden scheint die Seele vieler deutscher Politiker aufzufressen - allen voran die des christdemokratischen Innenministers Manfred Kanther. Anders ist wohl nicht zu erklären, warum ein ansonsten besonnener Politiker wie er wegen der Ankunft von 2646 kurdischen Flüchtlingen (in einem Zeitraum von über zwei Wochen) auf fremdem Terrain ausrastet und einen diplomatischen Streit mit Italien vom Zaun bricht. Das Getöse des Innenministers ist um so unverständlicher, als das Gros der Flüchtlinge wahrscheinlich in Italien politisches Asyl bekommt.

Die allgemeine Flüchtlings- und Kurdenhysterie, die auch von den Medien angefacht wird, hat mittlerweile selbst führende SPD-Politiker wie den niedersächsischen Innenminister befallen. Er verlangt allen Ernstes, Italien zeitweise aus dem System der Schengen-Staaten auszuschließen. Eine Art demonstrative Maßregelung.

Zugegeben, Italiens Ausländerpolitik war in den letzten Jahrzehnten von einer Laisser-faire-Haltung gekennzeichnet und von bürokratischen Pannen und tragischen Pleiten begleitet. Erst im Frühjahr 1997 rammte eine Fregatte der italienischen Marine in der südlichen Adria ein albanisches Minenboot mit rund 150 Flüchtlingen an Bord. Es sollte zum Umkehren bewegt werden, aber das Minenboot mit vielen Frauen und Kindern an Bord sank.

Für die Menschen aus dem arabischen Raum, die auf der Flucht sind, erscheint Italien heute wie das Tor zu einer besseren Welt. Doch das wollen die Verbündeten nun mit aller Macht verschließen. Aber wie? Auch von deutschen Politikern wurde der Vorschlag in die Diskussion eingebracht, mit Patrouillenbooten die 8800 Kilometer lange Küste Italiens hermetisch abzuschotten, damit kein Flüchtling mehr durch das grobmaschige Netz schlüpfen kann. Eine Art Sisyphusunternehmen, das Italien auf keinen Fall allein bewältigen kann.

Was sich dieser Tage an den Küsten Süditaliens abspielte, gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf Europa zukommen wird. Millionen von Menschen stehen in Afrika auf dem Absprung und werden sich über Italien ins gelobte Westeuropa aufmachen. Wahrscheinlich wird es dann nicht mehr ausreichen, an den Küsten zu patrouillieren. Man müßte schon auf die Flüchtlinge schießen, damit sie umkehren.

Fest steht, daß Italien nicht in der Lage ist, den immer größer werdenden Flüchtlingsstrom in den Griff zu bekommen. Das haben die bisherigen Erfahrungen gezeigt. Es wäre deshalb unverantwortlich, dieses Problem, das ganz Europa angeht, auf das Mittelmeerland abzuwälzen. Ähnlich wie im Bosnienkonflikt muß Europa seine Kräfte bündeln, müssen Marineeinheiten anderer EU-Staaten helfen, die Meeresgrenze zu kontrollieren. Ein gesamteuropäisches Problem darf nicht zur inneren Angelegenheit eines Staates erklärt werden. Italien braucht Hilfe, nicht Vorwürfe.

Vincenzo Delle Donne ist freier Journalist in Turin.