Obwohl eine Zwillingsgeburt bevorstand, wurde die Mutter nicht in einem der modernen Perinatalzentren entbunden, sondern im Städtischen Krankenhaus ohne angeschlossene Kinderklinik. Als während der Geburt die Herztöne eines Kindes abfielen, wurde ein Kaiserschnitt eingeleitet. Dem Neugeborenen ging es dennoch weiterhin schlecht - und erst jetzt, viel zu spät, verständigten die Ärzte den Kindernotdienst, der eine weitere Dreiviertelstunde brauchte, bis er bei dem kleinen Patienten war. Das Kind erlitt bleibende Hirnschäden wegen Sauerstoffmangels. Derzeit wird geprüft, ob die Klinik dafür haften muß.

Auf einer Pressekonferenz der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) wurde in der vergangenen Woche dieser Vorfall als Beispiel angeführt, wie Behandlungsfehler zu Behinderungen bei Babys führen können. Die DAK hatte als erste deutsche Krankenkasse eine Studie über derartige Mängel in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse nun vorliegen. Der Leiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Bayern, Karl Friedrich Wenz, hat die Unterlagen von 2500 Kindern ausgewertet, die in den Jahren 1983 bis 1989 geboren wurden und für die bei den Kassen Pflegeleistungen beantragt wurden bei 500 Kindern mit Behinderungen ergaben sich Verdachtsmomente auf Behandlungsfehler oder schlechtes Notfallmanagement. In 62 Fällen wurden sie durch Recherchen erhärtet.

Künftig will die DAK bei jedem Antrag auf Pflegeleistungen von Kindern prüfen, ob ein Versagen der Ärzte oder Kliniken ursächlich für die Schädigung war. "Das ist unser Beitrag", kommentierte der stellvertretende DAK-Vorsitzende Eckehard Schupeta, "die Qualität der Geburtsmedizin zu verbessern. Außerdem entstehen der Kasse durch jeden dieser Behandlungsfehler Kosten zwischen 500 000 und 1,5 Millionen Mark, die die Haftpflichtversicherung der Ärzte uns erstatten muß."

Mit anderen Worten: Die Kosten sollen gedämpft und auf Haftpflichtversicherungen der Ärzte gewälzt werden. Ob das gelingt? Der Nachweis ist meist nur schwer zu erbringen, daß Behandlungs- und Organisationsfehler in den Kliniken die Behinderungen verursacht haben.

Immerhin ist durch den Vorstoß der DAK die Qualität der hiesigen Geburtsmedizin erneut in die Diskussion gekommen. Dabei bestreitet auch die DAK nicht, daß nirgendwo in Europa Geburten so sicher verlaufen wie in der Bundesrepublik der neunziger Jahre: Die Säuglingssterblichkeit, die 1950 noch bei 45 Promille lag, konnte auf 5 Promille gesenkt werden. Auch die Sterblichkeit der Mütter, die vor zehn Jahren noch bei 1,4 Promille lag, ist heute auf 0,8 Promille gefallen. Eine wesentliche Ursache dieser Verbesserungen sind Projekte zur Qualitätssicherung, die Mitte der siebziger Jahre, wegen der damals erhöhten Säuglingssterblichkeit, unter anderem in Bayern begonnen wurden. Die Münchner Perinatalstudie an 26 Krankenhäusern, die von der Bayerischen Landesärztekammer initiiert worden war, zielte auf Standardisierung, Vergleich der medizinischen Interventionen während der Geburt und auf Fort- und Weiterbildung der Geburtshelfer. Mittlerweile ist die Perinatalerhebung in nahezu allen geburtshilflichen Abteilungen deutscher Krankenhäuser Routine.

Die DAK verweist darauf, daß sechzig Prozent der mutmaßlich vermeidbaren Schädigungen durch einen zu späten Kaiserschnitt hervorgerufen seien. Doch just der Kaiserschnitt ist ein Diskussionsgegenstand unter Ärzten. Zum einen ist das Risiko der Mütter, eine Kaiserschnittgeburt nicht zu überleben, vielfach höher als im Falle der Vaginalgeburt. In den Jahren 1989 bis 1996 sind siebzig Frauen in Bayern im Verlauf einer Kaiserschnittgeburt gestorben, aber nur zwei Frauen, die vaginal entbunden haben. Zum anderen müssen die meisten Mütter, die einmal durch Kaiserschnitt entbunden haben, auch bei weiteren Geburten die Operation durchführen lassen.

Die Leiter des Perinatalzentrums am Nürnberger Südklinikum, Axel Feige und Helfried Gröbe, halten fast fünfzig Prozent der Kaiserschnittoperationen für überflüssig: "Wenn Ärzte unsicher sind und ihnen Hilfsmittel und Routine fehlen, holen sie das Baby oft mit einem Kaiserschnitt, um die Geburt schnell zu beenden." Die Quote der Kinder mit schweren geburtsbedingten Behinderungen sei dagegen trotz steigender Kaiserschnittzahlen in den vergangenen Jahren nicht gesunken.