An Darstellungen und Dokumentationen über das Ende der DDR ist kein Mangel. Aber gescheite Interpretationen mit einem zeitgeschichtlich weiten und nicht nur auf Deutschland gerichteten Blick sind selten und stammen auffallend häufig aus dem Ausland. Die Sicht von außen mag das Gespür für größere Zusammenhänge und die Erkenntnis der Ursachen des Umbruchs erleichtern - prognostiziert hat auch außerhalb Deutschlands die Ereignisse niemand.

Charles Maier, der renommierte Harvard-Historiker und exzellente Kenner der deutschen und europäischen neuzeitlichen Geschichte, bekennt sich ohne Wenn und Aber zu diesem "Versagen" der Sozialwissenschaften und der Zeitgeschichte, weil dieser Prozeß zwar in seinen Gründen zu beschreiben, nicht aber in seinem Tempo vorhersehbar war. Angesichts der in Deutschland immer noch mit Verve praktizierten Rechthaberei und der mit viel Moralin geführten Debatten um die jüngste Zeitgeschichte ist Maiers Buch als souveräner Versuch einer breitgespannten verstehenden Analyse ein bemerkenswerter, großer Wurf. Eine vergleichbare Studie diesen intellektuellen Zuschnitts gibt es auf dem deutschen Markt bisher nicht. Der Autor erzählt nicht Ereignisabläufe, verbindet aber oft weit ausholende komparative Interpretationen mit präzisen und plastischen Beschreibungen. Der Schlüsselbegriff dissolution signalisiert, daß das Ende der DDR nur im Kontext eines langfristigen, ex post deutlich erkennbaren Erosionsprozesses zu verstehen ist. 1989/90 trafen struktureller Zusammenbruch und revolutionärer Umbruch zusammen.

Auf dem Titelbild - Karl Oppermanns "Ost-West-Achse mit großem Vorhang" von 1978 - versperrt ein überdimensionaler, dicker Vorhang die Sicht auf die Landschaft hinter dem Brandenburger Tor. Was ging in diesem abgesperrten Lande vor sich, und wie läßt sich die in atemberaubendem Tempo vollzogene "Auflösung" erklären? In sechs Kapiteln bemüht sich Maier um Antworten, die immer wieder über die deutsche Szenerie hinausgreifen und zum Teil sehr kühne historische Vergleiche mit revolutionären Brüchen und Krisen in anderen europäischen Ländern und Jahrhunderten ziehen. Das mag bisweilen allzu essayistisch wirken, anregend und stimulierend sind diese Überlegungen allemal.

Der Autor beginnt mit einem ausführlichen Kapitel über die politische Geschichte der DDR als Geschichte eines periodisch wiederkehrenden und in der letzten Phase galoppierenden Vertrauensverlustes. Dazu gehört komplementär die Geschichte politischer Verfolgungen und der verzweifelten Bemühungen der SED, sich zu behaupten und die für die DDR brisante ungelöste nationale Frage zu "bewältigen". Der Blick auf die absurden Repressionsrituale in Diktaturen des 20. Jahrhunderts legt vergleichbare Muster frei, die erst in den siebziger Jahren neue Formen annahmen und damit auch andere gesellschaftliche Entwicklungen ermöglichten. Maier nennt das die "Wendung zum Lokalismus" und charakterisiert die innere Situation unter Honecker, bissig-ironisch, als "Schweben zwischen Sozialismus und Gemütlichkeit". Parallel dazu bildete sich aber, wenn auch weniger ausgeprägt als in Osteuropa, eine Dissidentenszene heraus. Angesichts ihrer relativen Schwäche war der offene Zusammenstoß mit dem Regime im Herbst 1989 für viele Beobachter um so überraschender.

Die Frage nach den Gründen des abrupten Zusammenbruchs verweist aber in gleicher Weise auf die strukturellen, vor allem ökonomischen Determinanten.

Die wirtschaftlichen Probleme werden auf der Basis insbesondere der Akten der Staatlichen Plankommission detailliert und sehr instruktiv dargestellt: die wachsenden Schulden wegen des Bedarfs an Westwaren, die Konservierung der relativen Rückständigkeit dank der Blockade politischer Reformen, die Folgen der verfehlten bilateralen Grundkonstruktion des Comecon, die divergierenden Strategien im Politbüro und der Verfall der internen Debatten, kurz: das "Durchwursteln" als Prinzip. Maier folgt dem Urteil des letzten Vorsitzenden der Plankommission, Gerhard Schürer, der in den frühen siebziger Jahren die Wasserscheide für die weitere Entwicklung der Wirtschaft sieht. Die keineswegs als naturnotwendig interpretierten ökonomischen Strukturschwächen waren eine wesentliche, aber noch nicht hinreichende Bedingung für die plötzliche Auflösung des Systems. Erst die politische Krise führte zum revolutionären Herbst. Die Akteure des Umbruchs werden mit großer Sympathie für ihre Courage dargestellt. "Brüderlichkeit" war, in der revolutionären Trilogie der Französischen Revolution gesprochen, ihr hervorstechendes Merkmal, "Dialog" am Runden Tisch ihr Programm, als das alte System kollabiert war.

Warum daraus die staatliche Einheit hervorgehen konnte, ist aber vor allem auch eine Frage an die sowjetische Politik. Warum gab Gorbatschow den Weg zur staatlichen Vereinigung frei, obwohl diese keineswegs zum Programm der Perestrojka gehörte und in der sowjetischen Machtelite kaum Befürworter fand?