Der HipHop aus dem Reihenhaus

Der Sänger Henrik, 23, grinst, lacht, fällt zu Boden, spielt Baß, schreit, summt "Omm!" wie Buddha, kreischt und rappt, als wäre es sein letzter Auftritt. Der DJ Sascha, 24, hopst hinter seinen zwei Plattenspielern wie am Gummiband, läßt die Finger über die LPs tanzen und feuert Henrik lautstark an. Hier tritt "die beste deutschsprachige Rap-Band" auf, wie die allwissende Kölner Musikzeitschrift Spex urteilt: Henrik von Holtum und Sascha Klammt, genannt Kinderzimmer Productions.

Zu Hause in Ulm-Söfling gehen Henrik und Sascha mit ihren Zigaretten auf den Flur, damit der Rauch durch das Oberlicht besser abziehen kann. Wenn sie in der Kellerwohnung im Haus von Henriks Eltern ihre Musik produzieren, halten die beiden das Fenster geschlossen, damit die Mutter nicht bei der Gartenarbeit gestört wird. Sie grüßen die Nachbarn, wünschen Gesundheit, wenn jemand niest, ziehen die Klamotten aus dem Altkleiderschrank der Eltern an.

Beide haben feste Freundinnen und lassen die Finger von Groupies, obwohl es da, so sagen sie, Gelegenheiten gegeben hätte.

Henrik wohnt noch im Kinderzimmer im ersten Stock seines Elternhauses, Sascha in der Kellerwohnung, die er für 275 Mark von den Holtums gemietet hat. Zum Essen geht er oft eine Straße weiter zu seinen Eltern. Beide studieren, weil sie von ihrer Musik allein noch nicht leben könnten. Henrik hat sich zum Wintersemester an der Stuttgarter Universität für Orchestermusik eingeschrieben, Hauptfach Kontrabaß. Die Eltern wünschen sich für ihren Sohn eine Zukunft als Orchestermusiker. Rap halten sie für eine kurzlebige Modeerscheinung. Sascha Klammt studiert im fünften Semester Nachrichtentechnik an der Fachhochschule Ulm. Das beruhigt seine Eltern, die mit der Musik ihres Sohnes nichts anfangen können.

Dabei boomt die Musik, wie Henrik und Sascha sie machen. Keine Plattenfirma ohne Headhunter auf der Suche nach einer Rap-Band. Immer neue Rekorde deutschsprachiger HipHop-Produktionen. Immer öfter Gold und Platin für Bandmitglieder, die sprechen, statt zu singen, und deren Lebensgefühl so nah an den Jugendlichen ist wie der erste Kuß. Kein Wochenende, an dem nicht in einem Jugendzentrum auf dem Land oder in der Stadt junge Leute sich gegenseitig freie oder niedergeschriebene Texte vorstellen.

Zehnjährige tanzen nach dem Schulunterricht auf dem Gehweg zu eigenen Rap-Liedern. Dreizehnjährige klingeln beim Nachbarn, um höflich zu fragen, ob sie etwas vorrappen dürften. In der Radio-Show "Die Eier des Tigers" beim Berliner Rundfunksender Kiss FM rufen Samstag abends junge Menschen an, um über Weltschmerz, ihre Freundin oder sonstwas frei von der Leber weg zu rappen. "Freestyle" heißt das.

Eine Bewegung greift um sich, seitdem die Fantastischen Vier vor fünf Jahren mit "Die da", dem Lied von der Frau, die freitags nie da ist, bewiesen haben, daß deutschsprachige Liederreime nicht nach Udo Lindenberg klingen müssen.

Der HipHop aus dem Reihenhaus

HipHop heißt das internationale Lebensgefühl, Deutsch-Rap ist seine einheimische Variante, die Musik einer Jugend in der Zeit nach dem Mauerfall, die sich ein Leben ohne Bundeskanzler Kohl nicht vorstellen kann. Motto: Alles geht, schade niemandem, habe Spaß!

Es sei eine Legende, daß Rap-Musik nur zwischen brennenden Öltonnen in amerikanischen Schwarzen-Ghettos entstehen könne, sagt Udo Dahmen, Professor für Populärmusik in Hamburg, der einst bei der Deutschrock-Band Fehlfarben mitspielte. Rap verkaufe sich einfach besser, wenn er als Untergrundgemurmel aus den Kriegszonen der Großstädte daherkomme. Dabei seien Puff Daddy und andere Rap-Stars in den USA Wohlstandskinder aus den Vorstädten wie die beiden von Kinderzimmer Productions.

Henriks und Saschas zweite LP heißt "Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit". Zu sogenannten "Samples", digitalisierten Versatzstücken aus anderer Leute Musik, reden sie über ihr Leben zwischen den Reihenhäusern und vom Müll, den sie für Mami raustragen. Nebenbei zitieren sie von "High Noon" über die "Glorreichen Sieben" bis zu "Hänsel und Gretel" alles, was das erwachsene Fernsehkind der Neunziger so kennt. Dabei erzählen Kinderzimmer Productions in ihren Liedern keine einfach gestrickten Geschichten, sondern lassen ihren Assoziationen freien Lauf.

Der Erfolg gibt ihnen recht. Immer mehr Moderatoren spielen Songs von Henrik und Sascha. Bei Spex kamen sie einmal sogar auf den zweiten Platz einer Monatsrangliste. Schon verhandelt die Band mit einer großen Plattenfirma.

Freitag nachmittags treffen sich Henrik und Sascha vor den Garagen in Ulm-Söfling mit dem erweiterten Bandkreis. Der 32jährige Schlagzeuger Jürgen Schlachter ist da, der Abmischer Bruno Rivetti packt die Ausrüstung in den geliehenen Kleinbus. Der Manager Martin Lindner vom Ulmer Plattenladen Sound Circus gleicht auf der Landkarte die Route mit den Hinweisen des Veranstalters ab. Er hatte der Band die erste LP vorfinanziert. Klaus Brandenburg, junger Ulmer Rapper wie Henrik, will demnächst seine eigene Rap-LP rausbringen und ist als "Live-Support" dabei: Er unterstützt den ersten Sänger auf der Bühne, damit diesem nicht die Puste ausgeht. Jetzt macht er ein paar Witze, bevor er einsteigt. Jeder bietet an, hinten zu sitzen.

Auf der Fahrt ins fränkische Weikersheim sprechen sie im Bus über die USA, über Crack, das kaum noch einer nehme, die Polizei und das harte Durchgreifen der Cops, wenn man in New York City schwarzfährt. In Übersee war noch keiner der sechs.

Sascha schläft die meiste Zeit - das Studium, seine Freundin und vor allem KZP, wie sich Kinderzimmer Productions abkürzen, rauben ihm die Kraft. Der Manager fährt, Klaus liest ein Männermagazin, Henrik regelt die Temperatur im Bus. Jürgen erzählt von Erlebnissen beim Bau seiner Wohnung. Auch er ist müde.

Der HipHop aus dem Reihenhaus

Hinter Rotenburg ob der Tauber kommt Weikersheim. Der Club "W 72", seit 25 Jahren selbstverwaltet, liegt zwischen den Sportplätzen. Hanna vom Vorstand hält Brötchen und Kaffee bereit. Ihre Mutter Elsbeth erzählt, in der Leitung sei man fast einstimmig für den Auftritt der Rapper aus Ulm gewesen. Das in einem Club, in dem schon die Toten Hosen und die Deutschrock-Bands Blumfeld und H-Blockx aufgetreten sind.

Während Bruno am Mischpult die Regler verschiebt, bauen Henrik, Sascha, Jürgen und Klaus die anderen Rap-Accessoires auf: Schlagzeug für Jürgen, zwei Plattenspieler für Sascha, je ein Mikrophon für die Sänger. Die Bühne ist so groß wie ein Drittel des gesamten Clubraums. "Das wird schön", sagt Henrik und rekelt sich auf dem Sofa.

Um 21.00 Uhr sind 120 Leute da, viele Jugendliche aus den umliegenden Dörfern, ein paar Ältere, die das Kiffen nicht lassen können. Auffällig sind vier Jungen mit weiten Hosen und Stoffmützen. Zwei Pärchen sind sogar aus Würzburg angereist. Ein Mädchen kann die Texte der Band auswendig.

"Lights! Camera! Action! You're on." Dieser Rap beginnt mit Verspätung, dafür schnell. Henrik und Klaus singen und tänzeln in Achten auf der Bühne. "Sind die süß!" sagt ein Mädchen, das sich ganz nach vorne geschoben hat. Die vier Schlabberhosen hüpfen bereits zum ersten Lied. Ein Besoffener rennt verwirrt durch die Reihen. "Tötet Helmut Kohl!" ruft er.

Henriks Sprechgesang liegt als weiterer Ton über den Samples, die von so unterschiedlichen Gruppen und Musikern wie Tribe called Quest, Public Enemy, Kate Bush, Ofra Haza und House of Pain stammen. Nach einer halben Stunde auf der Bühne hat er das Publikum für sich gewonnen. "Der ist in den letzten zwei Jahren zum Entertainer geworden", sagt sein Manager.

Nach zwei Stunden und zwei Zugaben gehen der Band die Lieder aus. Das Konzert ist zu Ende. Zwischen Theke und Lagerraum noch ein Nudelauflauf aus der Mikrowelle, dann müssen die zwei ins Bett. Als die Wirtin der Pension um halb eins um Ruhe bittet, ist Deutschlands beste Rap-Band auf der Stelle still.