Das Wandern ist des Müllers Lust, doch so weit wie sie kam der Müller nicht: Wilhelm Dopp, 63, aus Bremen, Manfred Warsany, 64, und Heike Warsany, 57, Eheleute aus Hamburg, wanderten in zwölf Jahren, jeweils während ihres Jahresurlaubs, die Landesgrenze der neuen Bundesrepublik ab. In zwölf Etappen gingen sie 7000 Kilometer über Stock und Grenzstein, übernachteten siebenmal unter freiem Himmel, schliefen in 79 Hotels, 39 Gaststätten, 38 Pensionen, 46 Jugendherbergen und 24 Berghütten. Sie waren zwölfmal einen Monat lang unterwegs, passierten neun Landesgrenzen, liefen bei Sturm und Sonnenschein, bei Regen und Nebel und haben immer gehofft, daß sie auch wirklich ihr Ziel erreichen würden. Nun, in diesem Herbst, kamen sie an ihrem Ausgangspunkt an, in Aachen-Vaals.

Gewandert waren sie alle sozusagen ein Leben lang. Der drahtige Wilhelm Dopp, weil er schon als Jugendlicher Spaß am Kartenlesen und am Umgang mit dem Kompaß hatte. Heike Warsany, weil sie Gutes für ihre Gesundheit tun wollte, da sie als Verkäuferin in einer Bäckerei Tag aus, Tag ein auf den Beinen war und zuviel von den Angeboten in der Bäckerei naschte. Und ihr Ehemann Manfred, weil er dem Beispiel seiner Frau folgen wollte und weil der ruhige, in sich gekehrte Mann beim Wandern seinen Gedanken einen noch gleichmäßigeren Fluß geben konnte.

Als die drei, die sich auf gemeinsamen Wandertouren in Norddeutschland kennengelernt hatten, einmal die Grenze Bremens abgingen, schoß ihnen die ungewöhnliche Idee durch den Kopf.

Dopp übernahm die Führung. Der Polizist, der klar und unmißverständlich redet, wirkt ein wenig wie Harvey Keitel, wenn er sich bewegt, gerade, direkt, sicher. Heike Warsany sorgte für die Verpflegung. Im Rucksack hatte sie immer das Nötigste dabei, nur Milch und Wasser mußten beim Bauern oder in einem Geschäft gekauft werden. Heike Warsany redet nicht viel. Dafür hat, was sie sagt, Hand und Fuß. Ihr Mann Manfred spricht am wenigsten von allen. Doch der ehemalige Zöllner, heute Pensionär, weiß mit Zahlen umzugehen. Ihm würde man die Finanzen anvertrauen.

Sie hatten Glück mit den Zeitläuften. Als die Mauer im November 1989 fiel, waren die drei in den Alpen. In Richtung Osten konnten sie nun an der naturbelassenen Grenze zu Tschechien und zu Polen entlangwandern. Sie waren die ersten, die die Grenze der neuen Berliner Republik abgingen. In den Gästebüchern der Jugendherbergen und der Alpenvereinshütten suchten sie immer wieder nach Zeichen für Vorgänger. Doch zuvor hatte niemand das Experiment gewagt. Die Wanderer betraten Neuland. Am 12. September 1986 hatten sie in Aachen begonnen, weil sie als Norddeutsche diese Gegend am wenigsten kannten.

Gleich am ersten Tag bestiegen sie den höchsten Punkt der Niederlande, den Baudouin-Turm, der 322 Meter in die Luft ragt. Sechs Tage lang setzte ihnen das grausigste Wetter zu, das sie in den zwölf Jahren erleben sollten. Abends mußten sie Zeitungspapier in die Wanderschuhe stopfen, damit sie bis zum nächsten Tag wieder trocken waren. Nur kurz dachten sie an Umkehr. Doch nach sechs Tagen klarte es endlich auf, und am 18. September schien endlich die Sonne.

Auf ihrer ersten Etappe sahen sie den größten Pumpenspeicher und in Vianden eine der schönsten Burganlagen Europas. Sie hatten 356 Kilometer an 15 Tagen geschafft, ein Zwanzigstel der gesamten Strecke.