Dies ist die bislang blutigste Serie von Massakern: Seit Beginn des Fastenmonats Ramadan sind in Algerien über tausend Zivilisten ermordet worden. Der Terror begann, als die Armee 1992 den bevorstehenden Wahlsieg der Islamischen Heilsfront (FIS) durch einen Staatsstreich verhinderte, den die EU auf französisches Drängen tolerierte. Die Fundamentalisten-Partei wurde verboten und ging in den Untergrund. Ihre ersten Anschläge richteten sich gegen den Staat, aber auch gegen islamkritische Journalisten und Intellektuelle. Die Armee reagierte mit Gegengewalt. Im Untergrund erwuchs der FIS, ursprünglich eine sozialrevolutionäre Protestbewegung, eine radikalere Konkurrenz durch die GIA (Bewaffnete Islamische Gruppe), einen losen Zusammenschluß diverser Terrorgruppen ohne erkennbare Ideologie. Auf ihr Konto gehen die Massaker im "Dreieck des Todes" bei Algier, die sich gegen die Landbevölkerung richten. Im Schatten der GIA werden auch Privatfehden beglichen. Armee und Geheimdienst sollen unter dem Banner der GIA Morde begangen haben, wie Augenzeugen berichten.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Terrorwelle in Algerien wird erstmals die EU aktiv, die im Februar eine Delegation nach Algier entsenden wird. Die Möglichkeiten der EU sind allerdings begrenzt, da die algerische Regierung jedwede ausländische Initiative zur Beilegung des Bürgerkrieges strikt ablehnt. Um keinen Preis wollen die Machthaber zu Kompromissen mit den Islamisten gedrängt werden. Das Regime hofft wohl zu Recht, daß sich die Islamisten durch die Gewalt zunehmend in der Bevölkerung isolieren.

Ein Ausweg aus der Krise ist gleichwohl nicht in Sicht. Der Terror scheint nicht mehr kontrollierbar, und das von der Armee beherrschte Regime unter Staatschef Liamine Zeroual besitzt nicht die notwendige Glaubwürdigkeit für einen politischen Neuanfang. Denn die gesellschaftlichen Probleme, die zum rasanten Aufstieg des islamischen Fundamentalismus in den späten achtziger Jahren führten, bleiben weiterhin ungelöst. Das betrifft vor allem die korrupte Verflechtung von Militär, Staat und Bürokratie und deren nahezu unbegrenzten Zugriff auf Öleinnahmen sowie Import- und Exportgeschäfte.

Aus eigener Kraft scheinen die politischen Kräfte Algeriens unfähig, das Land zu befrieden. Um so dringlicher erscheint ein Engagement der EU. Die bisherige Haltung des Westens, der Tragödie überwiegend mit Achselzucken und Abwarten zu begegnen, hinter den Kulissen aber das Militärregime politisch, wirtschaftlich und militärisch zu unterstützen, stärkt die Position der "Ausrotter" innerhalb des Regimes. Diese Hardliner unter den Generälen hoffen, den Islamismus militärisch auszuschalten, auch in seiner gemäßigt-politischen Form. Langfristig wird es jedoch keine Lösung für Algerien geben, ohne jene sozialen Gruppen an der Macht zu beteiligen, die 1991 die Heilsfront gewählt haben.

Die Einbindung der FIS-Führung in den politischen Dialog würde dem Terror der Heilsfront die "Legitimation" entziehen und - in einem nächsten Schritt - die diversen Terrorgruppen der GIA isolieren. Die Extremisten von einst in die parlamentarische Pflicht zu nehmen ist auch aus westlicher Sicht die beste Option: Ein Kollaps des Militärregimes ist andernfalls keineswegs auszuschließen. Ohne algerischen Staat aber wäre die nächste Flüchtlingswelle nach Europa nur eine Frage der Zeit.