Daß der Held des neuen Fernsehspiels von Dieter Wedel eine Spielernatur ist und daß die komplizierten Intrigen dieses gewaltigen Kiez-Epos durch seine Spielschulden in Gang kommen, hat einen doppelten Sinn. Das Unternehmen "Der König von Sankt Pauli" ist selbst ein großes Glücksspiel, und zwar auch dies in zweifacher Hinsicht. Die 23 Millionen Mark Drehkosten der hierzulande bislang teuersten Fernsehproduktion wollen erst einmal eingespielt sein. Der Sender Sat.1 hat zwar mit einer großen Kampagne dafür gesorgt, daß wir wissen, wieviel man sich unseren Feierabendspaß hat kosten lassen. Aber ein panischer Oberton ist diesen Budgetprahlereien beigemengt. Für den Macher Wedel steht zudem mehr als Geld auf dem Spiel. Er hat sich seinen großen Namen durch erfolgreiche ZDF-Serien ("Der große Bellheim", "Der Schattenmann") erworben. Nun läuft sein bisher weitestgreifendes Werk auf einem Sender, der die Zuschauer immer wieder uncharmant aus den Träumen reißt, zu denen sie der Film anspornt, um sie den vorgefertigten aus der Werbeindustrie auszusetzen.

Aber halten wir die ängstlichen Einwände zurück: Die Kugel rollt, die Einsätze sind hoch, und vor dem Ausgang dieses Spiels wird niemand dem Waghalsigen seinen Respekt vorenthalten. Dieter Wedel läßt sich gerne "Doktor Wedel" nennen. Der Doktor ist echt - nicht bloß ein Spitzname wie "Würfel-Rudi" oder "Stullen-Paul" in der Serie. Die Sache dieses wahrhaften Doktors ist halbseiden und unseriös genug, um auch den Widerwilligen erst einmal für ihn einzunehmen.

Was Wedel in den bisherigen Folgen hat sehen lassen, ist eine weitverzweigte Kolportage, die sich der Inhaltsangabe entzieht: Im Kern geht es um den Kampf eines altmodischen Striplokals in Familienbesitz gegen ein korruptes Geflecht aus raffgierigen Konkurrenten, Immobilienspekulanten und politischen Hintermännern. Durch diesen virtuellen Kiez fahren zwar Autos und Motorräder, und man bekommt hier auch reichlich nackte Haut zu sehen. Aber man lasse sich nicht täuschen, der Sozialromantiker Wedel hat mit der Gegenwart nichts am Hut. Sein Sankt Pauli ist ganz 19. Jahrhundert: Hier haben die Huren Herzen aus Gold hier rebellieren zarte Söhne mit Nickelbrillen gegen kratzbürstige Väter, die ihre Gefühle nicht zeigen können hier gilt die Ganovenehre noch etwas hier leben die Menschen in Milieus und haben eine dazu passende Psychologie hier siegt der Mittelstand über Politik und großes Geld - mögen auch die Intriganten höheren Orts noch so sehr die Strippen ziehen. Der Stripladen, um den sich alles dreht, heißt "Blaue Banane". Er könnte auch "Blaue Blume" heißen, so romantisch geht es in ihm zu.

Es wäre eine Form höherer Naivität, Wedel vorzuhalten, er verfehle die böse Wirklichkeit. Er ist, ganz im Gegenteil, immer dann schwach, wenn er seinen kleinbürgerlichen Realismus durchblicken läßt und die "gesellschaftspolitische Komponente" (Wedel) ausspielt. Der fröhliche Eskapismus, die entschlossene Abkehr von der Tristesse, ist seine Stärke: Ein paar Gestrandete bilden eine Ersatzfamilie, heimeliger als eine echte ein tapsiger Junge wird doch noch erwachsen, mutiger als alle tough guys ausgerechnet die Schüchterne findet sich am Ende im erotischen Mittelpunkt die kommunikative Vernunft ("Auf Sankt Pauli reden Männer miteinander, wenn etwas schiefläuft") besiegt die Überzeugungskraft der Handkanten von Chinesen-Fiete.

Es wird sich zeigen, ob Wedels Spiel gut ausgehen kann. Die Wette lautet, der freundliche Eskapismus Wedels werde sich gegen jenen interessierten Eskapismus der schnöden Warenwelt behaupten, mit dem sein neuer Sender ihm alle zwanzig Minuten in die Parade fährt. Die Einsätze sind gemacht. Nichts geht mehr. Wir halten den Atem an.